Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

Weimar, dm 24. September 1808.

Ich bitte meinen theuersten und gnädigsten Vater um die Erlaubniß, des Zeit­gewinnens wegen anjetzt täglich einige Zeilen schreiben zu dürfen. Wenngleich dadurch meine Briese am Stil nothwendig verlieren werden, so werde ich doch das allenfalls zu Meldende mit mehr Ordnung berichten können. Heute Morgen um 11 Uhr ist der Großfürst Konstantin hier angekommen. Er war sehr freundschaftlich gegen mich und sehr erfreut, meinen Sohn zu sehen. Mit Wahrheit kann ich sagen, daß der liebe, kleine Mensch sich ganz vortrefflich ausführt. Der Zusammenfluß von Fürsten in Erfurt wird außerordentlich sein; ich habe schon heute hingeschrieben, um Quartier zu bekommen. Der König von Sachsen reist morgen von Dresden nach Erfurt ab. Der Herzog von Oldenburg ist heute Abend hier eingetroffen."

Der Erbprinz führt in seinen folgenden Briefen die meisten der Fürsten auf, welche successive in Erfurt anlangten. Wir nennen davon hier im Zu­sammenhang die Könige von Bayern, Sachsen, Württemberg und Westphalen, den Fürst-Primas von Dalberg, die Herzöge von Sachsen-Weimar, Sachsen- Gotha H und Oldenburg, die Erbprinzen von Baden, Hessen-Darmstadt, Hessen- Homburg. Hessen-Philippsthal, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Koburg, die Fürsten von Dessau, Waldeck, Schwarzburg-Rudolstadt, mehrere Fürsten Reust u. s. w.; von sürstlichen Damen waren anwesend: die Königin von Westphalen, die Erb­prinzeß von Baden, die Herzogin Alexander von Württemberg, die Herzogin von Hildburghausen und die Fürstin Taxis. Der König von Preußen hatte den Prinzen Wilhelm geschickt, der vom Minister Grafen Goltz begleitet war. Oester­reich hatte keine officielle Einladung erhalten. Man war in Wien darüber sehr beunruhigt, da man nicht ohne Unrecht annahm, die franco-russischen Ab­machungen würden sich gegen den Kaiserstaat richten. Kaiser Franz hatte daher aus eigener Initiative den Baron Vincent, einen erfahrenen und mit Talleyrand befreundeten Diplomaten nach Erfurt entsendet, der auch von beiden Kaisern mehrmals empfangen wurde und im Ganzen beruhigter, als er gekommen, nach Wien zurückkehrte.-

Am 25. September schrieb der Erbprinz:

Heute Abend gegen 8 Uhr traf der Kaiser von Rußland im besten Wohlsein hier ein. Se. Majestät waren sehr gnädig gegen mich und schienen viele Freude zu haben, meinen Sohn zu sehen.

Ich sende morgen früh den Kammerherrn von Oertzen mit einem Briefe an Minister von Champagny nach Erfurt, um mir die Erlaubniß zu erbitten, dem Kaiser und Könige dort aufwarten zu dürfen. Der Kammerherr von Stein, welcher sich unterthänigst zu Gnaden empfiehlt, wird mich dahin begleiten."

Weimar, den 26. September 1808. (Geheim durch Kurier.)

Ich habe heute Morgen mit dem russischen Minister des Auswärtigen, Grafen von Romanzoff, eine Unterredung gehabt und ihm ein Memoire übergeben, welches er . dem Kaiser, seinem Herrn vorlegen wird. Se. Excellenz meinten, daß, wenn in Erfurt

i) Dieser war ein Schwager Friedrich Ludwig's. Er hatte sich 1797 mit Prinzessin Luise, ältesten Tochter Friedrich Franz' I., vermählt. Sie war 1801 an der Geburt einer Tochter ge­storben, welche später Gemahlin des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg und Mutter des jetzc regierenden Herzogs und des Prinzen Albert, späteren Gemahls der Königin Viktoria, wurde. Im Wege dieser Descendenz ist demnach Kaiser Wilhelm II. der Urenkel des Herzogs Friedrich Franz I.