Heft 
(1892) 71
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Ern Thronerbe als Diplomat.

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lieber die Dauer des hiesigen Aufenthaltes ist noch nichts bestimmt; Einige reden von 10 Tagen, Andere von noch länger. Es thut mir sehr leid, daß die Hamburger Post nur zweimal die Woche geht, am Dienstag und Sonnabend. Mein Sohn empfiehlt sich mit mir Ihrer fortdauernden, väterlichen Gnade, und ich nenne mich rc."

Den 2. October.

Heute Morgen beim Lever srug der Kaiser Napoleon den Herzog von Oldenburg, ob sein Beitritt zum Rheinbunde schon geschehen sei. Die Antwort war:Nein."" Warum denn nicht?"" Weil Se. Majestät abgereist gewesen wären. Die Sache muß hier zu Ende gebracht werden,"" sagte der Kaiser kurz.

Meine Lebensweise ist beinahe ganz die nämliche wie in Paris: des Morgens zum Lever, gegen Mittag zum russischen Kaiser, zum Essen ausgebeteu und dann jeden Abend in die Tragödie. Hernach bringen wir Deutsche gewöhnlich noch ein paar Stunden bei der Fürstin von Taxis zu. Diesen Mittag ich beim Fürsten von Neuschätel, welcher mich mit Freundschaft überhäufte. Ueberhaupt geht es mir sehr gut."

Den 3. October.

Die Herzogin von Hildburghausen H hat diesen Morgen eine Audienz beim französischen Kaiser gehabt, welcher ganz ausnehmend artig war. Bei dieser Gelegen­heit sprach er auch vom Erbgroßherzog von Baden und äußerte, wie höchst unzufrieden er mit ihm sei. Es geht das Gerücht, daß mau die Prinzessin Stephanie von ihm scheiden und sie dem ältesten Grasen Hochberg geben würde, der dann auch die Erb­folge in Baden erhalten solle.Die beiden Kaiser bringen viele Stunden

des Tages zusammen zu, und man darf hoffen, daß die Beruhigung der Welt der Gegenstand ihrer Unterhaltung ist."

Den 4. October.

Ich benutze die Abreise der Herzogin von Hildburghausen nach Strelitz für die Besorgung meiner letzten Berichte. In politischer Hinsicht wird auch der heutige sehr mager erscheinen. Mau kann ja aber nicht mehr sagen, als man weiß. Alles wird sehr geheim traktirt. Indessen hat es aber den Anschein, als wenn an den Mitteln zu einem allgemeinen Frieden gearbeitet wird, wenigstens ist dies der Wunsch des

russischen Kaisers.Uebermorgen ist große Jagd und Ball in Weimar,

wo beide Kaiser, alle vier Könige und sämmtliche Fürsten erscheinen werden. Kaiser Napoleon hat mich als Verwandten des russischen Kaisers aus die Liste der Personen gesetzt, welche mit ihm jagen sollen, ebenfalls den Herzog von Oldenburg. Alle anderen Fürsten kommen erst zum Ball. Um der Herzogin von Weimar eine Artigkeit zu er­weisen, läßt der Kaiser Napoleon übermorgen das französische Theater nach Weimar kommen.

Diesen Morgen hat mir der Marschall Soult gesagt, wie er dem Kaiser Rapport über die ausgezeichnet gute und treue Art gemacht habe, mit welcher unsere Truppen den Dienst an den Küsten versähen. Er fügte noch eine Menge höflicher Sachen für meinen gnädigsten Vater hinzu und versicherte, wie er Deutschland nicht verlassen würde, ohne Ihnen in Ludwigslust ausgewartet zu haben."

1) Sie war eine Prinzessin von Strelitz, Schwester der Königin Luise und der Fürstin Taxis.

2) Gemeint ist Graf Leopold Karl, ältester Sohn des Großherzogs Karl Friedrich aus dessen zweiter, morganatischer Ehe mit Freiin Karoline Geyer von Gehersberg. Die Kinder aus dieser Ehe wurden 1817 zu Markgrafen von Baden und Großherzoglichen Prinzen erhoben, und der hier genannte Leopold Karl bestieg 1830 als Großherzog den badischen Thron.

Deutsche Rundschau. XVIII, 7 . >1