Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

Der hier mehrmals erwähnten Fürstin von Thurn und Taxis sind wir schon früher in Paris begegnet. Aus dem gleichen Anlaß wie damals war sie auch jetzt erschienen, um die Angelegenheiten ihres Gemahls, des General­postmeisters zu betreiben. Sie rechnete dabei auf die Unterstützung des Kaisers Alexander, der eine große Verehrung für sie hegte. Der Kaiser brachte fast jeden Abend einige Stunden nach dem Theater bei ihr zu, ebenso Talleyrand, aus dessen Memoiren wir erfahren, daß die wichtigsten politischen Angelegenheiten in ihrer Gegenwart besprochen wurden. Der vertrauliche Fuß, aus dem der Erbprinz mit seiner Cousine stand, war ihm für seine dortige Stellung sicherlich von Nutzen.

Die Festlichkeiten in Weimar waren für den 6. October anberaumt. Da Postpserde für diesen Tag nicht mehr zu haben waren, reiste Friedrich Ludwig schon am Abend vorher dorthin und erhielt eine Wohnung beim Erbprinzen, mit welchem er durch dessen Gemahlin Maria Paulowna verschwägert war und dessen rechter Schwager er durch seine zweite Heirath zwei Jahre später noch werden sollte. Am Morgen des 6. trafen die beiden Kaiser in Weimar ein und begaben sich mit den anderen Gästen nach dem Jagdgebiet, wo ein eingestelltes Jagen auf Schwarzwild und Rothwild stattfand. Mittags war große Tafel, später Vorstellung der französischen Schauspieler im Theater, - man gab CLsar's Tod", und dann ein glänzender Hofball, bei welchemNapoleon sich besonders liebenswürdig und heiter zeigte und über eine Stunde lang mit Wie­land sprach." Am nächsten Tage war großes Dsjeuner aus dem Schlachtfeld von Jena. Das Zelt war auf der Stelle errichtet, wo Napoleon während der Nacht bivouakirt hatte. Nachher beritten die Kaiser mit ihrer Suite das Schlachtfeld. Hieran schloß sich noch ein großes Hasentreiben in der Ebene von Jena. Daß diese Jagdbelustigung gerade auf der Stelle veranstaltet wurde, wo zwei Jahre vorher und fast zur nämlichen Zeit (14. October) in der unseligen, blutigen Schlacht zahllose Menschenleben geopfert waren, darf mindestens für geschmacklos gehalten werden und wurde auch von vielen Betheiligten so beurtheilt. Nach der Jagd traten die Kaiser ihre Rückreise nach Erfurt an. Der Erbprinz folgte ihnen am nächsten Tage. Er hatte noch von Weimar aus und zwarin Folge von Gesprächen mit dem Kaiser von Rußland und dem Fürsten von Benevent" den Kammerherrn von Oertzen nach Schwerin gesandt. Derselbe sollte mündlich berichten, da zum Schreiben die Zeit fehlte. Es scheint, daß diese Unterredungen die Hoffnung Friedrich Ludwigs aus irgend ein positives Resultat wieder belebt hatten, denn einige Tage später, am 10., schrieb er seinem Vater aus Erfurt: Ich halte es garnicht für unmöglich, daß ich Ihnen bald etwas Angenehmes zu berichten haben Werde, was mich sehr glücklich machen würde."

Aber diese Hoffnung sollte sich wieder zerschlagen. Wie schon weiter oben vorausgeschickt wurde, kamen deutsche Angelegenheiten Zwischen den beiden Kaisern überhaupt nicht zur Sprache. Sie hatten zuviel mit ihren eigenen zu Lhun, und Napoleon namentlich benutzte die letzten Tage des Erfurter Aufenthalts aus­schließlich dazu, Vertrauen und Zuneigung bei seinem neuen Freund zu befestigen. In jenen Tagen war es, wo er zuerst allgemeine Andeutungen über die beab­sichtigte Ehescheidung fallen ließ, um bald darauf offen mit der Werbung um