Heft 
(1892) 71
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Zur neuesten Wallenstem-Literatur.

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in die Hände. Wallenstein aber, statt den Feind, dem er auf bayerischem Boden gegenüberstand, zu schlagen, zog sich wieder nach Böhmen zurück, und als der Kaiser ihm den gemessenen Befehl ertheilte, ohne Zögerung wieder gegen die Schweden vorzugehen und die Winterquartiere außerhalb der Erblande zu nehmen, begründete der Herzog seine Weigerung mit dem Gutachten seiner höheren Osficiere. Der Kaiser, ohnmächtig gegenüber dem Generalissimus, dem er die Armee und die Kriegsführung vollständig in die Hand gegeben, mußte sich nicht allein in diesem Falle schweigend fügen, sondern auch den offenen Widerspruch Wallenstein's gegen andere Befehle, die er ausgehen ließ, hinnehmen; aber die Folge war nun auch, daß Ferdinand nicht länger sein Ohr Denen verschloß, welche die Ent­fernung des Friedländers von dem Obercommando oder wenigstens eine Be­schränkung seiner ungemessenen Vollmachten forderten. Noch vor Ende des Jahres wurden im tiefsten Geheimniß und unter der Mitwissenschaft nur einiger weniger Personen Anstalten getroffen, um für den Fall, daß Wallenstein sich in die Aenderung der Kriegsdirection nicht fügen sollte, sich des Gehorsams der an­gesehensten Generale zu versichern. Es war in eben den Tagen, wo Wallenstein, von der Gefahr, die herannahte, im Allgemeinen unterrichtet, den Entschluß faßte, nicht allein die früheren Verhandlungen mit den evangelischen Kurfürsten wieder aufzunehmen, sondern auch mit Schweden und Frankreich Beziehungen anzuknüpfen, die ihm im Nothfalle den Rücken decken könnten. Daß seine Agenten trotz der feierlichsten Versicherungen überall dem größten Mißtrauen begegneten und nur langsam Boden gewinnen konnten, ist ebenso begreiflich wie das Zögern und Schwanken in dem Vorgehen des Kaisers.

Die Katastrophe zu beschleunigen, dazu diente vor Allem der vielberufene Pilsener Schluß, durch den sich Wallenstein der Treue seiner höheren Osficiere auch für den Fall der Erhebung gegen den Kaiser zu versichern suchte. Daß in der ursprünglichen Proposition die Klausel, wonach die Verpflichtung der Osficiere nur so lange gelten sollte, als Wallenstein sich in dem Dienste des Kaisers be­fände, enthalten war, dagegen in dem Reverse, der zur Unterzeichnung gelangte, fehlte, dürfen wir heute als gewiß ansehen. Auch über die Künste, die an­gewendet wurden, um Arglose zu umgarnen und Widerstrebende zur Unter­zeichnung zu bewegen, sind wir heute genauer als früher unterrichtet. Lehrreich ist namentlich in dieser Beziehung das treffliche, kurz vor Jrmer's drittem Bande erschienene, oben schon erwähnte Buch von I. Krebs überHans Heinrich Frei­herr von Schaffgotsch" (Breslau 1890). Jrmer bringt zu den bekannten Zügen noch neue bei und beleuchtet zugleich die Wirkungen, die das Pilsener Ereigniß auf die Stimmung und die Entschlüsse des Wiener Hofes andeutete. Eine gütliche Verständigung mit Wallenstein, der es bis dahin an Fürsprache nicht fehlte, war von nun an ausgeschlossen. Schon durste in dem engen Kreise der Eingeweihten der spanische Gesandte als das sicherste Mittel, Wallenstein unschädlich zu machen, seine Ermordung bezeichnen. Wenn es sein mußte, schreckte auch der fromme Ferdinand davor nicht zurück. Nachdem er durch das anfangs geheim gehaltene Patent vom 24. Januar 1634 die Absetzung und strafrechtliche Verfolgung des Friedländers und seiner vertrautesten Osficiere Jllow und Trcka verfügt hatte, ließ er den in der Stille gewonnenen Generalen Gallas, Piccolomini