Zur neuesten Wallenstein-Literatur.
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daß fast das ganze kaiserliche Heer, das Feind und Freund so fest an den Friedländer gekettet hielt, innerhalb zweier Tage von ihm abfiel, aber nicht allein „weil die kaiserliche Autorität noch so hoch und unantastbar stand", sondern vielleicht mehr noch, weil fast alle Obersten und Generale nach Gindely's Ausdruck durch das Versprechen großartigen Lohnes gewonnen waren. Nicht umsonst hatte der Kaiser zu dem Zwecke, gleichzeitig mit den Maßregeln gegen Wallenstein, die Confiscation des gesammten ungeheuren Vermögens des Generalissimus und der Feldmarschälle Jllow und Trcka angeordnet.
Hatte Wallenstein noch am 19. Februar gemeint, die zu einer zweiten Zusammenkunft nach Pilsen entbotenen Generale und Obersten unauflöslicher, als es bereits durch den Revers am 2. Januar geschehen, an sich zu binden, um dann am 21. Februar sich nach Prag zu begeben und vor dem Thore der böhmischen Hauptstadt aus dem Weißen Berge sein Heer zu sammeln, so mußte er drei Tage später mit dem Rest seiner Getreuen von Pilsen nach Eger fliehen, um in der Nähe des Herzogs Bernhard von Weimar Schutz zu finden. Aber zu lange hatte der ehrliche schwedische General sich gesträubt, an Wallenstein's Auflehnung gegen den Kaiser zu glauben, selbst als der Herzog Albrecht von Lauenburg ihm am 24. Februar eine Depesche Jllow's zeigte, worin der Verlust von Prag, der Abfall der Generale, die Aechtung Wallenstein's und der Zug nach Eger gemeldet wurden, fürchtete er Betrug: „Der Herr glaubte nicht an Gott, daher ihm nicht zu trauen"; er blieb trotz aller Vorstellungen und Bitten dabei, „er werde keinen Hund satteln oder vertrauen". Erst auf ein weiteres Schreiben Jllow's hin entschloß sich der Herzog von Weimar, noch immer mißtrauisch, .langsam gegen die böhmische Grenze vorzurücken. Es geschah, als sich die Katastrophe von Eger schon vollzogen hatte.
Noch schwerer strafte sich die Unzuverlässigkeit und Verlogenheit, die Wallenstein so oft den evangelischen Kurfürsten gegenüber bewiesen hatte. Arnim, mit dem er schon zu einer Zeit, als er sich noch nicht unmittelbar bedroht fühlte, die gegen den Kaiser gerichteten Verhandlungen abzuschließen hoffte, ließ trotz alles Drängens Woche um Woche aus sich warten, und als endlich der sächsische Staatsmann mit einer den Wallenstein'schen Intentionen allenfalls genügenden Vollmacht sich auf den Weg nach Böhmen machte, war der Feldherr nicht mehr unter den Lebenden.
So wenig man nach Allem, was die Forschung bis heute zu Tage gefördert, sagen kann, daß Wallenstein schuldlos geendet, oder daß er deshalb unsere Sympathien verdiene, weil er, der doch nur selbstsüchtige Zwecke verfolgte, die römisch-spanische Partei zu einem billigen, für Protestanten und Katholiken annehmbaren Frieden zwingen wollte: noch weniger wird man dem Kaiser, seinen Rathgebern und Werkzeugen die Ermordung des Mannes verzeihen können, der das Haus Oesterreich und das katholische Deutschland in der gefahrvollsten Krisis gerettet hatte. Aber das Böse und Unerhörte, das hüben und drüben von Männern geschehen, die keine moralischen Ungeheuer waren, wird uns erklärlicher und menschlich begreiflicher, wenn wir zum Schluß die tiesergehenden Ursachen und den innersten Kern des Conflicts, der eine so gewaltsame und grauenvolle