Zur neuesten Wallenstein-Literatur.
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von Friedland, nachdem ihm der Kaiser bei der Uebernahme des Commandos zum Lohne das erste Kurfürstenthum, das er erobern würde, angeboten habe, die vorläufige Investitur mit Brandenburg verlange; in Wien sei man darüber in großer Sorge, denn Wenn der Kaiser seinem Begehren nicht willfahre, so sei für einen Mann von Wallenstein's launischer Gemüthsart, der die Waffen in der Hand habe und über die Kriegshäupter verfüge, die Versuchung zu groß, sich selbst zu verschaffen, was er wolle. Andererseits, wenn ihm der Kaiser gebe, was er verlange, und zwar das Kurfürstenthum Brandenburg, so würde er der mächtigste Fürst in ganz Deutschland werden: denn der brandenburgische Besitz sei größer als der jedes anderen Kurfürsten, und da der kinderlose Herzog von Pommern den Kurfürsten von Brandenburg zu seinem Erben erklärt, so würde Wallenstein mit Brandenburg noch Pommern verbinden. Dazu käme das Herzogthum Mecklenburg, Frieslaud (welches der König von Spanien ihm angeboten) und die Fürstenthürner, die ihm der Kaiser in seinen Erblanden (Friedland, Sagan und Glogau) gegeben habe. Er würde aus diese Weise nicht nur über ein größeres Besitzthum in Deutschland verfügen als das Haus Oesterreich, sondern auch über ein mächtigeres wegen der vielen und guten Häsen in der Oft- und Nordsee, während der Kaiser keinen einzigen Hafen besitze. Der König von Ungarn sei deshalb sehr in Sorge, und auch der Kaiser bedauere, daß er dem Herzog die Waffen mit so absoluter Gewalt übertragen habe.
Wer die Richtigkeit dieser überraschenden Mittheilungen deshalb bezweifeln wollte, weil Wallenstein im Jahre 1633 unmöglich hoffen konnte, nicht allein das Kursürstenthum Brandenburg zu erobern, sondern auch die Schweden aus Deutschland zu verjagen, der übersähe, daß zu der Zeit, als nach den erwähnten spanischen Depeschen der Herzog von Friedland sich mit so maßlosen Hoffnungen trug, noch nicht vorausgesetzt werden konnte, daß es dem schwedischen Staatskanzler nach Gustav Adols's Tode so vollständig gelingen Würde, die evangelischen Stände Deutschlands unter seiner Leitung zu vereinigen. Wie geringschätzig hat sich Wallenstein noch zu Gitschin über die schwedische Regierung, wie verächtlich über die beiden evangelischen Kurfürsten ausgesprochen. Erst auf schlesischem Boden überzeugte er sich, daß leichte Siege über die vereinten schwedisch-deutschen Truppen nicht zu erringen waren; daß, Wie Gindely sagt, das höchste Ziel, das Wallenstein zu erreichen hoffen konnte, die Zurückweisung der Feinde von den kaiserlichen Erblanden war, daß er aber nicht mehr hoffen konnte, in Mecklenburg festen Fuß zu fassen, und noch weniger ein Kurfürstenthum dazu zu gewinnen. „So hätte er sich nach Abschluß des Krieges mit dem Besitz von Friedland, Sagan und Glogau und allenfalls mit einer Geldentschädigung oder mit der Zuweisung einiger Güter begnügen müssen." Da er tatsächlich eine unabhängige Herrschaft erwerben wollte, so konnte er nur auf Kosten des Hauses Oesterreich dazu gelangen, und „so nahmen im Sommer 1633 seine Verhandlungen mit Sachsen, Schweden und Frankreich zum Verderben des Kaisers ihren Anfang". Es ist die Auffassung des Spaniers Oüate, in der Gindely die Lösung des ganzen Räthsels sieht: da Wallenstein die Hoffnung auf einen entscheidenden Sieg aufgegeben, suchte er seine Größe auf den Ruin Oesterreichs zu begründen.
Deutschs Rundschau. XVIII, 9. 29