Heft 
(1892) 71
Seite
451
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Die Schicksale der ersten deutschen Flotte.

Das große Geschichtswerl Sybells übergeht in der Darstellung der deutsch-dänischen Zerwürfnisse, denen ein so bedeutender Einfluß aus die Entstehung des neuen Deutschen Reiches zuzumessen ist, mit Stillschweigen die Gründung und die Schicksale der Flotte von 1848. Es ist sreilich richtig, daß diese Schöpsung aus den Gang des ersten Krieges um die Rechte Schleswig-Holsteins wenig eingewirkt hat. Die einzigen Kriegsschiffe, welche Dänemark verlor, sind ihm durch Landbatterien geraubt worden. Aber das Schicksal jenes ersten deutschen Geschwaders hat doch so sehr dazu beigetragen, in allen Herzen die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit der damaligen deutschen Ver­hältnisse zu nähren, daß man gern einige authentische Offenbarungen darüber in dem erwähnten Werke gesehen hätte. Liegen doch noch heute die inneren Vorgänge, welche zur öffentlichen Versteigerung der mit so großer Begeisterung geschaffenen Flotte geführt haben, ganz im Dunkeln. Diese Lücke füllt nunmehr ein soeben erschienenes, auf den Acten aufgebautes Werk von Or. A. Zimmer mann, ausH. Der Mangel einer Seemacht hat auf die Entwicklung der deutschen Handelspolitik seit Jahrhunderten den ungünstigsten Einfluß geübt. In den Revolutionskriegen verlor Preußen den größten Theil seiner Kauffahrer und seinen gesammten blühenden Exporthandel. In den ersten Jahrzehnten nach der Wiedergeburt des Staates war an überseeische Unternehmungen gar nicht mehr zu denken. Erst nach der Bildung des Zollvereins regte sich der Unternehmungsgeist, und deutsche Maaren begannen wieder auf fernen Märkten Ab­nehmer zu suchen. Aber da machte sich überall das Fehlen deutscher Kriegsschiffe unangenehm bemerkbar. Schweigend mußten die deutschen Kaufleute jede Unbill im Auslande hinnehmen. Brasilien wollte nicht einmal einen Handelsvertrag mit Preußen schließen, da letzteres nach der Ansicht der Minister überhaupt keine überseeische Schiffahrt besäße! Lange Jahre hindurch bildeten die kleinen Raubstaaten Nordafrikas den Schrecken der deutschen Handelswelt. Bis in die Mündungen der deutschen Ströme wagten sich die algerischen und marokkanischen Piratenschiffe, und die preußische Regierung mußte wiederholt gegen sie die Hülse Englands, Schwedens und selbst Dänemarks anrufen- Schließlich bekam man in Berlin überhaupt vor Anknüpfung überseeischer Beziehungen mit nicht ganz geordneten Staatswesen Angst, da man keine Möglichkeit sah, Rechtsbrüchen derselben gebührend entgegenzutreten. Am unerträg­lichsten machte sich diese Hülflosigkeit Dänemark gegenüber fühlbar. Man war nicht im Stande, den kleinen Staat zur Beobachtung der vertragsmäßigen Normen für die Erhebung der Sundzölle zu nöthigen, sondern mußte Jahrzehnte hindurch die willkürliche Brandschatzung des gesammten Ostseehandels ruhig hinnehmen. Es gab dreizehn verschiedene Flaggen deutscher Staaten, aber nicht eine anerkannte deutsche Flagge!

fl Geschichte der preußisch-deutschen Handelspolitik. Actenmäßig dargestellt von Alfred Zimmermann. Oldenburg und Leipzig, Schulze'sche Hofbuchhandlung.

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