Heft 
(1892) 71
Seite
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Politische Rundschau.

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in"den Departements vollzogenen Wahlen sür die Gemeinderäthe ihren schroffen Gegensatz zu den republikanischen Einrichtungen betont haben, legten bereits in dieser Hinsicht vollgültiges Zeugniß ab. Allerdings dars angenommen werden, daß derartige öffent­liche Kundgebungen nunmehr unterbleiben; allein der Antagonismus zwischen den Clericalen und den Republikanern wird dadurch nicht beseitigt werden. Andererseits müssen alle Bemühungen der römischen Curie, durch die stets erneuerten Annäherungs­versuche sich der Staatsgewalt in Frankreich gesügig zu machen, an dem Widerstande der Radicalen scheitern, die in dem Verhalten des Papstes lediglich eine Gefahr sür die Entwicklung der Republik erblicken. Die französischen Radicalen wissen aber sehr wohl, daß weder die Orleanisten noch die Imperialisten bereit sind, aus Grund der Meinungsäußerungen des Papstesabzurüsten", da sie andernfalls auf ihre eigenen Existenzbedingungen verzichten müßten. Immerhin erscheint bemerkenswerth, wie Leo XIII. seine eigene Auffassung begründet. Nicht außer Betracht bleiben darf zu­nächst, daß die römische Curie bereits vor längerer Zeit durch den Mund des Cardinals Lavigerie dem französischen Clerus dasselbe Verhalten anempfohlen hat. Damals blieb jedoch der Kirchensürst, dessen Specialität bis zu jenem Augenblicke nicht so sehr die Einmischung in die innere französische Politik wie die Bekämpfung der Sklaverei ge­wesen war, trotz der Unterstützung von Seiten des Papstes ziemlich einsam, so daß der Letztere sich veranlaßt sah, in einer besonderen Encyklika denselben Standpunkt zu betonen. Dies genügte jedoch nicht, Wandel zu schaffen; vielmehr erfolgten unmittel­bar darauf die Kundgebungen französischer Bischöfe, die aus der päpstlichen Encyklika lediglich diejenigen Stellen herausgriffen, in denen von der Verfolgung der katholischen Kirche die Rede war. Die Sprache dieser Kundgebungen war sogar eine so heftige, daß die französische Regierung sich gezwungen sah, einzuschreiten und die allzu streit­baren Bischöfe vor den Staatsrath zu verweisen, der dann auch in wiederholten Fällen das gesetzliche Verfahren einleitete und in der vorgeschriebenen Form dahin erkannte, daß von Seiten der Urheber der Kundgebungen einMißbrauch" ihrer Befugnisse vorläge. Diese Erkenntnisse sind nun zwar nicht geeignet, den Widerstand der Bischöfe zu brechen; allein sie bekunden jedenfalls, daß die in der päpstlichen Encyklika aus­gesprochenen Grundsätze keineswegs durchgedrungen waren.

Im Vatican konnte man sich nicht verhehlen, daß in dem Verhalten der Bischöfe auch eine Nichtachtung der päpstlichen Anweisungen gefunden werden müßte. Diese Auffassung ist sicherlich auch gegenüber dem Cardinal-Erzbischöfe von Paris, Richard, zum Ausdrucke gebracht worden, als er unlängst in Rom verweilte. Die verschiedenen Gesichtspunkte, die der Papst Lei seiner Unterredung mit dem Cardinal Richard geltend machte, sind dann in dem nunmehr vorliegenden Schreiben enthalten. Es wird sich nun zeigen, ob der französische Episkopat nach den wiederholten, nachdrücklichen An­weisungen des Papstes seinen Widerstand aufgeben oder auf dem Standpunkte beharren wird, die höchste kirchliche Autorität nur in kirchlichen Angelegenheiten unbedingt anzuerkennen. In dem jüngsten Schreiben an die französischen Cardinäle weist Leo XIII. sogleich in der Einleitung auf die Angriffe hin, denen die Encyklika aus­gesetzt war, und fährt dann fort:Wir hatten die Angriffe vorausgesehen. Ueberall, wo die Agitation der politischen Parteien die Geister tief erregt, wie es jetzt in Frank­reich geschieht, ist es schwierig, daß Alle unverzüglich der Wahrheit diejenige volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf die sie Anspruch hat. Müßten wir aber deshalb uns Stillschweigen auserlegen? Wie! Frankreich leidet, und wir hätten nicht bis auf den Grund der Seele die Schmerzen dieser ältesten Tochter der Kirche empfinden sollen? Frankreich, das sich den Titel der sehr christlichen Nation erworben hat und ihn um keinen Preis aufgeben will, ringt inmitten seiner Beklemmungen gegen die Heftigkeit Derjenigen, die es entchristlichen und gegenüber allen Völkern erniedrigen wollen, und wir hätten unterlassen sollen, an die Katholiken, an die ehrlichen Franzosen, einen Appell zu richten, um ihrem Vaterlande diesen heiligen Glauben zu bewahren, der seine Größe in der Geschichte ausmachte? Dies möge Gott verhüten!"