458
Deutsche Rundschau.
Bezeichnend ist, daß der Papst gerade den gegenwärtigen Augenblick für geeignet erachtet, in dieser Weise seinen Sympathien sür „eette Ms ainäa äa t'LZIise" Ausdruck zu geben, als ob er die Tragweite der Ausschreitungen unterschätzte, die vor Kurzem in französischen Kirchen stattgefunden haben. Oder beweist Leo XIII. in seinem Verhalten gegen die französische Republik einen sichereren staatsmännischen Blick als die Bischöfe, die kein Bedenken tragen, die Clericalen zum Widerstande gegen die Staatsgewalt aufzuhetzen, auf die Gefahr hin, daß der Conflict auf die Spitze getrieben werde. Wessen sich die Clericalen von Seiten der Radicalen zu versehen haben, das erhellt aus den Vorgängen, bei denen in Pariser Kirchen die Widersacher der Geistlichkeit unter Verhöhnung derselben die Carmagnole tanzten und sangen. In den Departements fehlte es gleichfalls nicht an derartigen Ausschreitungen, so daß sehr gewichtige Gründe vorliegen müssen, wenn der Papst sich nunmehr im versöhnlichsten Sinne äußert und sich dadurch in Widerspruch zu der überwiegenden Auffassung des französischen Clerus fetzt. Man wird kaum bei der Annahme fehlgehen, daß Leo XIII. vorahnenden Geistes erkennt, daß die Trennung der Kirche vom Staate und die Aufhebung des .Concordates in Frankreich in absehbarer Zukunft verwirklicht werden könnten, falls das herausfordernde Verhalten der Clericalen fortdauern sollte. Kehrt doch der Antrag auf Beseitigung des Cultusbudgets in der französischen Deputirtenkammer alljährlich wieder, verlangen doch die Radicalen stets von Neuem jene Trennung der Kirche vom Staate. Der Papst erkennt aber sehr deutlich die Gefahren, die sich aus der Aufhebung des Concordates, und zwar nicht bloß für die katholische Kirche in Frankreich ergeben würden. Zugleich verhehlt sich Leo XIII. nicht, daß royalistische Prätendenten ebenso wenig wie imperialistische Aussicht haben, ihre auf die Wiederherstellung der Monarchie abzielenden Bestrebungen in nächster Zeit vom Erfolge gekrönt zu sehen. Der Papst läßt sich also sicherlich nicht durch sentimentale Anwandlungen leiten; vielmehr erweist er sich wiederum als Realpolitiker, wenn er einen Noüus vivenäi mit der französischen Republik hergestellt sehen will. Es entsteht nur die Frage, ob die Ultramontanen sich jetzt der im Vatican ausgegebenen Losung fügen werden. Die „Oorrespouckanea nationale", die einen maßgebenden Einfluß auf die royalistische Presse ausübt, erläutert denn auch bereits ihrerseits das jüngste päpstliche Schreiben. Daran anknüpfend, daß Leo XIII. in dem zweiten Theile seines Briefes den Rath wiederhole, den er den Katholiken ertheilt habe: die eingesetzte und bestehende Gewalt, das heißt die Republik, ebenso anzunehmen, wie in Frankreich das erste Kaiserreich und die anderen monarchistischen oder republikanischen Regierungen angenommen worden seien, versucht das royalistische Organ eine seinen Zwecken dienende geschichtliche Interpretation. Alles, was der Republik zugestanden werden soll, würde nach dieser Auffassung darin bestehen, daß die Monarchisten, gleichviel ob sie Katholiken sind oder nicht, während der Dauer des gegenwärtigen Rägime sich den Gesetzen unterwerfen und niemals ihre Zuflucht zum Aufstande nehmen. Dagegen sollen sie weder auf ihre Hoffnungen verzichten noch auf das Recht, die Verwirklichung derselben mit allen Mitteln vorzubereiten, welche die Gesetzlichkeit ihnen zur Verfügung läßt.
Beinahe klingt es wie bittere Ironie und Hohn, wenn hinzugefügt wird, daß die Monarchisten fortsahren würden, die Rathschläge und Weisungen des Papstes zu befolgen, „wie sie es bisher gethan haben", und daß sie zum Beweise ihrer versöhnlichen Gesinnung alle Opfer ertragen wollten, die nicht mit ihren Grundsätzen und ihrer Treue unvereinbar wären.
Mit Rücksicht auf diese Deutungen, mit denen die maßgebenden royalistischen Organe in Frankreich die jüngste Encyklika des Papstes begleiten, kann es nicht überraschen, daß die Radikalen dieselbe von ihrem Standpunkte aus als „Comödie" bezeichnen, die lediglich bezwecke, die Regierung der Republik in Sicherheit zu wiegen, sowie zu Zugeständnissen zu veranlassen, zumal da der Ausfall der unlängst in sämmt- lichen französischen Departements vollzogenen Gemeinderathswahlen das weitere siegreiche Fortschreiten der republikanischen Ideen im ganzen Lande bekundet habe. Es wird sich nunmehr zeigen müssen, ob die französischen Bischöfe in ihrer Verblendung