Heft 
(1892) 71
Seite
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Politische Rundschau.

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die Ermahnungen und Warnungen der Encyklika unbeachtet zu lassen gewillt sind, indem sie sich katholischer und rohalistischer als der Papst selbst erweisen. Die Re­gierung der Republik müßte dann gegen sie mit um so größerer Energie einschreiten, als sie sich aus die Autorität Leo's XIII. stützen könnte. Andererseits werden die Radi­kalen es nicht an ihren eigenen Bemühungen sehlen lassen, um den Gegensatz zu ver­schärfen. Wurde doch der Sturz des früheren Ministeriums durch die Radicalen herbei- gesührt, weil es nicht entschieden genug gegen die Clericalen vorging, insbesondere auch die Trennung der Kirche vom Staate bekämpfte. Das Cabinet Loubet könnte daher bei schwächlichem Verhalten von demselben Schicksale ereilt werden.

Die Ministerkrisis, die am 5. Mai in der Sitzung der italienischen Deputirten- kammer zum Ausbruch gelangte, lag so sehr in der Konstellation der politischen Ver­hältnisse, daß sie keineswegs überraschend wirken konnte. War doch dem endgültigen Rücktritte des Ministeriums Rudini-Nicotera-Luzzatti bereits einige Wochen früher eine damals auf die Demission des Finanzministers Colombo beschränkt gebliebene Krisis voransgegangen, durch welche die Situation klar beleuchtet wurde. Hatte das Cabinet Rudini, unmittelbar nachdem es zur Regierung gelangt war, die moralische Verpflichtung übernommen, daß es das Gleichgewicht im Staatshaushalte ohne neue Steuern wiederherstellen würde, so ergab sich trotz aller Ersparungen im Budget ein Fehlbetrag, der nun aufgebracht werden sollte. Die Schwierigkeit bestand nur darin, die geeigneten Mittel und Wege zu finden, die im Parlamente von einer geschlossenen Mehrheit unterstützt würden. Von dem Wunsche beseelt, ihren französischen Freunden die eigenen guten Absichten zu bekunden, beeilten sich die radicalen Organe, daraus hinzuweisen, daß vor allem der Militäretatbluten" müßte. Während aber Jmbriani und Genossen nur diesen einzigen Ausweg gelten ließen, vertrat der Finanzminister Colombo eine andere Auffassung, indem er zunächst für eine umfassende organische Reform der gesammten Verwaltung eintrat. Insbesondere sollten ganze Beamten- Categorien, sowie eine Anzahl der kleinen Universitäten, die ebenso wie die an ihnen angestellten Professoren ein mehr beschauliches als fruchtbringendes Dasein führen, vollständig verschwinden, eine Eventualität, die jenseits der Alpen, im Hinblick auf die daselbst herrschende Neigung, eine dürftig dotirte Beamtenstellung mit geringer Arbeitslast anderen zwar lohnenderen, aber mühseligeren Berufsarten vorzuziehen, einen Strom der Entrüstung Hervorrufen mußte. Colombo, der die Eigenart feiner Lands­leute sehr wohl kannte, wies denn auch sogleich im Ministerrathe auf die zweite Alternative hin, wonach die Zahl der Armeecorps herabgesetzt werden könnte. Wurden nun durch den ersten Vorschlag Empfindlichkeiten getroffen, die im Parlamente einen lebhaften Widerhall hätten finden müssen, so berührte der zweite die Militärfrage, die von der äußersten Linken längst zur Erörterung gestellt und in unmitttelbaren Zusammenhang mit der Tripelallianz gebracht worden ist.

Die Opposition, welche die Radicalen vom Schlage Jmbriansts und Cavallotti's gegen das Ministerium Rudini machten, datirt denn auch im Wesentlichen seit dem Zeitpunkte, in dem dieser Staatsmann das Bündniß mit Deutschland und Oesterreich- Ungarn noch vor dem Ablaufe der Verträge erneuert hatte. Bis dahin wiegten die Mitglieder der äußersten Linken sich selbst und ihre französischen Freunde in der Hoffnung, daß mit dem Sturze Crispsts auch das Schicksal des Dreibundes besiegelt sein könnte. Als dann diese Erwartung sich als eine trügerische erwies, begann die Fehde der Radicalen gegen das Cabinet, das in Wirklichkeit nur seine Pflicht erfüllte, indem es das europäische Friedensbündniß aufrecht erhielt. Für jene ist die Finanzlage denn auch lediglich ein Vorwand. Wie wenig möglich es ist, im Hinblick auf die euro­päische Lage die Wehrkraft Italiens in wesentlichem Maßstabe zu verringern, erhellte am deutlichsten, als nach dem Ausscheiden des Finanzministers Colombo aus dem Cabinet Rudini Versuche gemacht wurden, den Kriegsminister General Pelloux durch einen anderen General zu ersetzen. Es zeigte sich aber sogleich, daß das Militär­budget keine größeren Reductionen erfahren dürfte, wenn anders das italienische Heer auf der Höhe seiner Aufgabe bleiben sollte.