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Deutsche Rundschau.
Zugestanden werden darf, daß gerade Italien in militärischer Hinsicht eine schwierige Stellung hat, da es nicht bloß einer starken Landarmee bedarf, sondern auch mit Rücksicht aus seine langgestreckten Küsten eine große Flotte besitzen muß. Wer jemals im Kriegshasen von La Spezia die mächtigen Panzer „Itakla", „vnilio", .,v3,ncko1o", „llePLnto" und zahlreiche andere angestaunt hat, weiß sehr Wohl, welche Opfer das Land sür seine Marine bereits gebracht hat und unablässig bringt. Es würde daher von völliger Unkenntniß der Verhältnisse zeugen, wollte man den patriotischen Eifer der Italiener, ihre Wehrkraft unversehrt zu erhalten, bestreiten. Vielmehr fehlt es nicht an competenten Stimmen, die betonen, daß dieser Eifer wohl über das berechtigte Ziel hinausgegangen ist, als die italienische Regierung eine kostspielige Colonialpolitik einleitete, deren Erfolge bisher noch sehr viel zu wünschen übrig lassen. Thatsache ist jedenfalls, daß Italien bisher in vollem Maße seine Schuldigkeit gethan hat, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten, sowie den durch die Bündnißverträge mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn übernommenen Verpflichtungen gerecht zu werden. Die Radicalen versuchen nun den Hebel anzusetzen, indem sie diese Verpflichtungen bemängeln und nicht bloß als die Ursache der bedrängten Finanzlage, sondern auch als eine unmittelbare Friedensstörung bezeichnen, da Frankreich durch die gesteigerten Rüstungen sich bedroht fühlen müßte.
In dieser Hinsicht ist aber bezeichnend, daß, wie seiner Zeit Crispi, auch Rudini mit staatsmännischem Blicke die Nothwendigkeit der Fortdauer des europäischen Friedensbündnisses erkannte. Sicherlich gibt es nur wenige Politiker in Italien, die nicht die Besitzergreifung Tunesiens von Seiten der Franzosen als ein den italienischen Interessen zugesügtes schweres Unrecht empfänden. Die Regentschaft, deren Protectorat die französische Regierung ohne Weiteres in Anspruch genommen hat, gehörte so unmittelbar zur italienischen Interessensphäre, daß ein fremder Eingriff in diese beim Bestehen des Dreibundes ausgeschlossen gewesen wäre. Welche Folgen die französische Occupation Tunesiens, abgesehen von dem Handelsverkehr, hat, erhellt unter Anderem daraus, daß die geplante Umgestaltung der an der Nordküste der Regentschaft gelegenen Stadt Biserta zu einem Kriegshasen jetzt bereits die italienische Regierung veranlaßt hat, dem Pro- jecte nahe zu treten, laut dem auf der Insel Sicilien ein verschanztes Lager im großen Stile errichtet werden soll. Dem Einwande gegenüber, daß das französische Protectorat über Tunesien eine vollzogene Thatsache wäre, so daß die Tripelallianz nach dieser Richtung hin keine Existenzberechtigung hätte, braucht unter anderen nur hervorgehoben zu werden, daß, was in der Regentschaft bereits geschehen ist, sich in Tripolis leicht wiederholen könnte, wenn nicht eben durch das europäische Friedensbündniß Fürsorge getroffen worden wäre, daß das Gleichgewicht im Mittelländischen Meere keine weitere Störung erfahren darf.
Daß Italien von Seiten Frankreichs auf dem Gebiete der hohen Politik keinerlei freundliches Entgegenkommen erwarten darf, verhehlen sich die italienischen Radicalen wohl selbst kaum; nur daß sie stets vor Allem betonen, daß die französische Republik in handelspolitischer Hinsicht Zugeständnisse machen könnte, wodurch die Finanzlage sich bessern würde. Allein auch hier sind die Jmbrianis und Cavallottis längst durch die Thatsachen widerlegt worden, da feststeht, daß die französischen Schutzzöllner auch solchen Ländern gegenüber keine Ausnahme machen, die wie Spanien und Griechenland durchaus nicht ihren Anschluß an das europäische Friedensbündniß vollzogen haben. Nur fehlt es jenseits der Alpen auch nicht an Solchen, die von dem Dreibunde verlangen, daß er zur Erleichterung Italiens von militärischen Lasten diene, als ob nicht Oesterreich- Ungarn und Deutschland dasselbe sür sich selbst beanspruchen könnten. König Humbert und wer auch immer als Conseilpräsident ihm zur Seite stehen mag, besitzen jedoch ein viel zu sehr ausgeprägtes Taktgefühl für die Würde Italiens, als daß sie nicht eine derartige Auffassung zurückweisen sollten, deren Verwirklichung dahin führen müßte, daß ein Ausspruch, den Fürst Bismarck vor Jahren hinsichtlich deutscher Kleinstaaten in ihrem Verhältnisse zu Preußen gemacht hat, in gewissem Maße aus Italien Anwendung finden könnte. Hiernach würde Italien, falls es den Verbündeten relativ