Politische Rundschau.
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größere Opfer zumuthete, als es selbst zu bringen gewillt ist, das Bundesverhältniß als das Piedestal benutzen, von dem herab es Großmacht spielen kann. Diese Eventualität erscheint jedoch aus den angeführten Gründen völlig ausgeschlossen; vielmehr muß jetzt bereits angenommen werden, daß auch in Zukunft jedes italienische Ministerium an der Tripelallianz als einer Grundlage der auswärtigen Politik um so entschiedener festhalten wird, als ohne den Dreibund Heer und Marine im Interesse der eigenen Sicherheit des Landes weit größere materielle Opfer erheischen würden.
Wie verblendet aber die italienischen Radicalen sind, wenn sie wähnen, daß die französische Republick nur des Dreibundes wegen der „lateinischen Schwesternation" ihre Sympathie Versage, ist in diesen Tagen erst wieder durch den Brief erhärtet worden, den Papst Leo XIII. an die sechs französischen Cardinäle gerichtet hat. Auf die Tragweite dieses Schreibens für die innere französische Politik ist bereits hingewiesen worden; es muß jedoch auch betont werden, daß der Papst in demselben Augenblicke, in dem er für die republikanischen Einrichtungen in Frankreich Stimmung zu machen sucht, seinen unversöhnlichen Gegensatz zu dem Königreiche Italien, mit der Hauptstadt Rom, betont. Wahrend Leo XIII. in dieser Hauptstadt eine Freiheit genießt, deren er sich in keinem anderen Lande erfreuen würde, behauptet er in seinem Schreiben an die französischen Cardinäle, daß er lediglich die religiösen Interessen wahre, wenn er die weltliche Herrschaft zurückfordere. „Sind es doch gerade diese religiösen Interessen," heißt es in dem Originale der päpstlichen Kundgebung, „die uns in Italien die Pflicht auferlegen, ohne Unterlaß die volle Freiheit zu fordern, die für unsere erhabene Function als sichtbares, mit der Leitung der Seelen betrautes Oberhaupt der katholischen Kirche nothwendig ist; eine Freiheit, die dort nicht existirt, wo der Stellvertreter Jesu Christi nicht bei sich zu Hause, nicht ein wirklicher, von jeder menschlichen Oberherrschaft unabhängiger Souverän ist." Diese Sprache beweist deutlich genug, welche Erwartungen der Papst im Grunde seines Herzens hegt, wenn er für die französische Republik Propaganda macht. In dieser Hinsicht müßten alle Italiener einig sein, falls sie sich nicht eben geflissentlich in Illusionen wiegen, denen die Ernüchterung unmittelbar folgen müßte. König Humbert und seine leitenden Staatsmänner haben jedoch bisher stets bewiesen, daß sie die Lebensinteressen Italiens besser zu würdigen wissen als die Franzosenfreunde jenseits der Alpen.
Wie gewissenhaft Italien an seinen durch das Bündniß mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn übernommenen Verpflichtungen festhält, ergibt sich auch aus der Lösung der jüngsten Ministerkrisis, da der neue Conseilpräsident Giolitti und der Minister des Auswärtigen, Brin, durchaus auf dem Boden der Tripelallianz stehen. Daß Crispi in dem neuen Ministerium Freunde zählt, kann diesem nur jenseits der Vogesen zum Vorwurfe gemacht werden, da der bisherige Conseilpräsident Rudini selbst anerkennen mußte, daß die parlamentarische Abstimmung, durch die er gestürzt wurde, sogar die Berufung Crispi's als Leiter des Cabinets hätte angezeigt erscheinen lassen. Die Correctheit, mit der sich sowohl Rudini als auch Crispi Lei Gelegenheit der jüngsten Krisis benommen hatten, gereicht Leiden Staatsmännern zum Ruhme und zeigt in erfreulicher Weise die gesunde Entwicklung des Constitutionalismus im parlamentarischen Leben Italiens.