Heft 
(1892) 71
Seite
462
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Literarische Rundschau.

Deutsche Culturgeschichte.

Deutsches Leben im vierzehnten und sünszehnten Jahrhundert. Von 1)r.

Alwin Schultz. Erster Halbband. Wien und Prag, F. Tempsky. Leipzig, G. Freytag.

1892 .

Mit dem vorliegenden Werke hat Alwin Schultz, welchem wir schon das vorzügliche Werk über das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger verdanken, einen neuen und überaus gewichtigen Baustein zur Culturgeschichte des deutschen Volkes beigetragen. Dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert, welche das ältere Werk be­handelt, folgt jetzt das vierzehnte und fünfzehnte bis an die Schwelle der Reformation, bis zum Zusammenbruch der mittelalterlichen Welt. Wer Schultz' Höfisches Leben benutzt hat, sei es für wissenschaftliche Arbeiten, sei es zur Gewinnung allgemeiner Anschauung, der weiß, einem wie ungewöhnlich zuverlässigen und kenntnißreichen Führer er sich anvertrauen durste. Schultz beherrscht vornehmlich das literarische Material mit durchgreifender Sicherheit, die Dichtungswerke der Zeit, die Actenstücke, die In­schriften sind geprüft und ausgezogen; aus unzähligen kleinen Steinen, in mühseligster Arbeit von Meisterhand gefügt, setzt sich das Bild zusammen. Anschaulich und lebens­wahr sehen wir die Menschen vor uns hintreten; ihre Wünsche und Gewohnheiten lernen wir verstehen und hiermit die ganze Lebensführung, in welcher die Einzelheiten nicht mehr zufällig, sondern uothwendig und folgerichtig erscheinen. Alles dies gilt für Schultz' neues Werk ebenso wie für sein älteres. Und doch konnte die Bearbeitung der beiden Perioden nicht ganz die gleiche sein. Für das frühere Mittelalter, die Zeit des ersten Werkes, fließen die Quellen nur spärlich; zumeist sind es die Helden­gedichte der höfischen Sänger, aus welchen das Material geschöpft werden mußte; dadurch war es unerläßlich, für jeden einzelnen Zug der Darstellung anzugeben, wo­her er entlehnt sei, um die Beweiskraft sestzustellen, die Nachprüfung zu ermöglichen und somit den vollen Gewinn der kolossalen Arbeit zu sichern.

Für das spätere Mittelalter, die Zeit des neuen Werkes, fließen in mancher Beziehung die Quellen fast zu zahlreich; das Kulturleben hat sich in den Städten verbreitet, weite Schichten des Volkes kommen mit ihren Wünschen und Begierden zum Ausdruck, zahllose Monumente werden von Malerei und Plastik geschmückt, der Literatur kommt am Ende der Periode schon der Buchdruck zu Hülfe: so hat der Culturhistoriker ein weit zerstreutes Bild, aus dem er nur schwer die Strahlen zu sammeln und in einheitlicher Darstellung zu verbinden vermag. Aber trotzdem ist die Grundlage sicherer, weil eben die gleichzeitigen Darstellungen jener Zeit nicht mehr körperlose Schattenrisse, sondern vollblütige Vorführungen des Lebens in allen seinen Einzelheiten sind. Der Verfasser hat daher die Auswahl und gute Wiedergabe