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Literarische Rundschau. 403
dieser gleichzeitigen Abbildungen als einen der Schwerpunkte seiner Arbeit behandelt; in vielen Fällen sagt ein an sich unbedeutendes Bild unendlich viel mehr als die herrlichste Declamation eines Dichters über denselben Gegenstand.
Der Verfasser war daher sür viele Punkte seiner Darstellung nicht genöthigt, schriftliche Quellen als Beweisstücke zu citiren. Trotzdem arbeitet er mit einem sehr weitschichtigen literarischen Material. Wenn die Anmerkungen und Citate auch nicht wie bei dem älteren Werke bis zur Mitte der Seite emporwachsen, so bleibt doch nichts übrig, als lange Reihen von lastenden Belegstellen unter den Text zu bannen. Der Verfasser, welcher mit ebensoviel Freude als Erfolg an einer lichtvollen und gut lesbaren Darstellung sesthält, hat nun das eigenartige Verfahren eingeschlagen, sein Werk zugleich in zwei verschiedenen Ausgaben erscheinen zu lassen. In der großen Ausgabe von 320 Seiten gibt er alles Material, das er der Wissenschaft vorzusühren verpflichtet ist; in der Familien-Ausgabe von 192 Seiten ist — da die Bilder in nahezu gleicher Zahl beibehalten sind — mehr als ein Drittel des Textes sortgefallen, zunächst alle Anmerkungen und literarischen Verweise, dann aber auch diejenigen Schilderungen des bürgerlichen und bäuerlichen Lebens, welche in der derben Sprache jener Zeit der modernen Gesittung anstößig erscheinen. Dieses Opfer ist nicht einer thörichten Prüderie gebracht, sondern es wird hiermit erzielt, daß die Ergebnisse einer ebenso gelehrten als literarisch geschmackvollen Arbeit weiten Kreisen des Publicums, die Frauen und die Heranwachsende Jugend mit eingeschlossen, ohne Bedenken zugänglich gemacht werden. Die Bezeichnung „Familien-Ausgabe" deckt völlig das Erreichte. Daß der Preis der großen Ausgabe hierdurch sür die in Format und Ausstattung ganz gleiche Familien-Ausgabe beträchtlich herabgesetzt werden konnte, ist gleichfalls dankbar anzuerkennen.
Was uns vorliegt, ist erst ein Halbband des ganzen, auf etwa doppelt so großen Umsang angelegten Werkes; der zweite Halbband soll in einigen Wochen erscheinen. Auch das vorliegende Buch bietet völlig abgeschlossene Darstellungen, in welchen wir dem Verfasser nicht nur zu eindringlicher Belehrung, sondern auch mit stets gleichbleibendem Interesse folgen- Wo es irgend angeht, läßt Schultz die Menschen jener Zeit selbst zu Worte kommen, nicht nur die eigentlichen Schriftsteller, sondern auch den Briesschreiber und den sorgsamen Hausvater, der sein Wirtschaftsbuch führt.
Die überaus weitschichtige Materie ist mit großer Klarheit gegliedert und dabei doch in fließendem Zusammenhang, im glatten Tonfall einer lebendigen Erzählung vorgesührt. Schultz beginnt mit der Darstellung des deutschen Landes, nicht mit den Ansprüchen des Historikers oder Geographen, sondern er zeigt, wie sich das Land im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in den Köpfen der Bewohner malte, was man jeder Landschaft, jeder Stadt und ihren Bewohnern, Männern und Frauen, in sprichwörtlicher, oft in neckischer Form nachzusagen beliebte.
Von den Wohnsitzen des Adels, den Burgen, ist nur noch wenig zu berichten; sie gerathen bereits in Verfall, dienen mehr der Sicherheit als dem Behagen; ihre Bewohner verbringen ihr Leben in Fehde und Raubzügen, ohne sich gegen die Städte ernstlich halten zu können. Für eine wichtige Erscheinung, die Schlösser, welche den friedlichen, nur müßig geschützten Wohnsitz des hohen Adels darstellen, fehlt leider das Material, und dasjenige, welches nächst der von Schultz angezogenen Albrechtsburg am ausgiebigsten gewesen wäre, die Marienburg bei Elbing, hat Schultz nicht hinreichend benutzt. Zu den unvermeidlichen Ungleichheiten eines solchen ersten Wurfes gehört bei Schultz, daß Norddeutschland weniger berücksichtigt ist, als Süddeutschland und Oesterreich, welche dem Verfasser näher liegen. Die Rathhäuser von Goslar und Lüneburg, besonders das letztere, werden in einer, hoffentlich bald erforderlichen, zweiten Ausgabe herangezogen werden müssen, ebenso die Gildenhäuser von Danzig, die Sammlungen in Berlin, Hamburg und anderen norddeutschen Städten.
Den eigentlichen Stock der Darstellung bildet das städtische Leben. Aus der ersten Umzäunung der Ansiedelungen entwickeln sich die Mauern mit Thürmen und Thoren, Alles darauf berechnet, in den schweren Zeitläuften Leben und Besitz