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Deutsche Rundschau.
zu sichern. Der Zustand der Straßen ist noch sehr unvollkommen; 1416 erwähnt man in Augsburg noch als besonderen Vorzug Holzdämme aus den Straßenübergängen, 1485 ist Friedrich III. in den Straßen von Reutlingen in Gefahr, im Kothe zu versinken, erst 1490 werden in Nürnberg die todten Thiere von den Straßen entfernt. Von Beleuchtung ist keine Rede, die Nacht gehört dem gröblichen Unfug, der dann gelegentlich mit barbarischen Strafen — Augenausstechen — bestraft wird.
Krankenhäuser, Spitäler und Stifte entstehen zunächst in Anlehnung an geistliche Orden — dieser Punkt ist bei Schultz wenig betont — sodann aus freier, bürgerlicher Opserwilligkeit. Im Mittelpunkte des bürgerlichen Lebens steht das Rathhaus; hier vollzieht sich nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Rechtssprechung, daher die Ausmalung der Säle mit Vorbildern strenger Rechtspflege, die theils der Bibel, theils der Antike entlehnt sind; die deutsche Heldensage, in welcher die Ritterzeit sich spiegelte, tritt fast ganz zurück. Die Rechtspflege erscheint in ihrer vollen Grausamkeit, welche nur daran denkt, abzuschrecken und sich des Missethäters kurzer Hand zu entledigen.
Das Rathhaus dient auch vielfach zu Festen; daneben entstehen dann noch besondere Tanzhäuser, sodann das Kaufhaus, Kornhaus, Tuchhaus, Brauhaus, Schlachthaus und für kriegerische Zwecke das Zeughaus- Die Wasserläufe erheischen besondere Anlagen; die Brücken müssen nicht nur errichtet, sondern auch befestigt werden; Wasserleitungen versorgen die öffentlichen Brunnen. Zittau besitzt bereits 1374 eine solche. An die Zunsthäuser und Trinkstuben schließen sich die Wirthshäuser, für welche die bekannten Schilderungen von Hutten und Erasmus volle Farben abgeben. Die Badstuben zeigen die naive Freiheit des Verkehrs, welche die moderne Welt kaum noch für erzählbar hält, so daß sie in der „Familienausgabe" fast verschwinden.
Für das Bürgerhaus hat der Verfasser es ausgegeben, die Grundrisse der Wohnungen sestzustellen. Hoffentlich führen Specialarbeiten auch hier noch etwas weiter. Von dem Leben im Hause gibt der Verfasser ein höchst anschauliches Bild. Erst allmälig machen Glasfenster und Schornsteine die Räume bewohnbar im modernen Sinne, die Beleuchtung wird — wenn auch nur mäßig — verbessert. Die Möbel bilden einen eigenen, sehr lehrreichen Theil des Buches, der aber für Norddeutschland noch Ergänzungen zuläßt; die vorgeführten Beispiele gehören fast ausnahmslos dem süddeutschen, aus weichem Holz und flachen Brettern gearbeitetem Mobiliar an, dagegen fehlen die eichenen, aus dem Stamm gearbeiteten norddeutschen, besonders die so eigen- thümlichen niederrheinischen Möbel, darunter typische Formen, wie der Stollenschrank und die hieraus gebaute Credenz, während die vorgesührte Credenz nur ein für zeitweiligen Gebrauch ausgestelltes Gerüst ist. Auch die Truhe könnte zur volleren Geltung kommen; zu den Schreibtischen ist noch der in Lüneburg und a. a. O. völlig ausgebildete Klappentisch zu erwähnen; das Schreibzeug hätte unser tinten klecksend es Säculum gerne in seine Entstehung aus dem tragbaren Hörnchen heraus verfolgt. Daß sich der Verfasser in der Schilderung der Becher und Kannen sehr kurz gefaßt hat, war zwingende Noth, denn wenn man hier einmal voll ansetzt, ist das Ende kaum zu finden.
Höchst lehrreich sind wieder die Capitel über häusliche Reinlichkeit; selbst in Nürnberg werden im vornehmen Patricierhaus die Senkgruben im besten Falle alle zehn Jahre geleert. Es folgt eine höchst lebendige Schilderung der Stände und Zünfte, der Künstler und Handwerker. Hieran schließt sich das Leben der Bauern, welche zu jener Zeit unter dem schmachvollen Drucke litten, der endlich zu den Greueln der Bauernkriege führte.
Das Leben in der Familie setzt mit der Eheschließung ein; wir verfolgen den jungen Weltbürger durch die Kinderstube in die Schule und dann weiter aus die Lateinschule und Universität mit ihren Burschen und dem wüsten Treiben der Vaganten. Der junge Kaufmann geht auf Reisen — hier vermissen wir die streng geregelten Convicte der Factoreien der Hansa — die Reisen sind gefahrvolle Unternehmungen; auf der Landstraße treffen wir das fahrende Volk, die Landstreicher und Räuber.