Literarische Rundschau.
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Von dem breit angelegten Capitel III, welches der Entwicklung der Tracht bestimmt ist, bringt der jetzt erschienene Halbband der großen Ausgabe noch die ersten Bogen, die Familienausgabe gelangt bis gegen den Schluß des Capitels II.
Wir haben hier ein Werk vor uns, das wir aus das Dankbarste begrüßen müssen. Es ist entstanden ohne aus Vorarbeiten fußen zu können, nur das Trachtenwesen ist schon früher eingehend bearbeitet. Das treffliche culturgeschichtliche Werk von Henne vom Rhyn mußte seiner Anlage gemäß die einzelne Periode mit breiten Strichen charakterisiren, die bekannten französischen Werke von Lacroix geben Anhaltspunkte für einzelne Capitel, aber sie streifen Deutschland doch nur gelegentlich. Das Werk unseres Altmeisters Hefner-Alteneck, „Trachten, Kunstwerke und Geräthe", gab eine wichtige Reihe von Monumenten historisch geordnet; ersprießlich war für den Verfasser der von dem berufensten Kenner der Denkmäler, Eßwein, zusammengestellte Bilderatlas für die Kulturgeschichte des Mittelalters, aus dem viele Abbildungen übernommen sind; aber das vorliegende Werk als Ganzes mußte durchaus neu geschaffen werden. Daß Lücken vorhanden sind, und selbst einzelne Jrrthümer, auch in der Benennung der Stiche, mitunterlaufen, wollen wir nicht hoch anschlagen gegenüber dem Umstande, daß dieses Werk nicht nur ein höchst gelehrtes, sondern auch zugleich ein lesbares Buch ist von Hellem, weitem Blick und einem liebevollen Behagen, das sich dem Leser wohlthnend mittheilt. Es wird hinfort zum eisernen Bestand unserer Familienbibliotheken gehören.
Julius Lessing.
Leopold von Gerlach's Denkwürdigkeiten.
Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlach's, Generals der Infanterie und Generaladjutanten Friedrich Wilhelm's IV. Nach seinen Aufzeichnungen herausgegeben von seiner Tochter. Erster Band. Berlin, Wilhelm Hertz. 1891.
Der General Leopold von Gerlach gehörte bekanntlich zu den einstußreichsten Männern unter der Regierung Friedrich Wilhelm's IV. Mit Rauch, Massow, Rochow, Marcus Niebuhr (dem Sohn des Historikers) und seinem eigenen Bruder Ludwig von Gerlach, dem Rundschauer der Kreuzzeitung, bildete er eine in Wahrheit kleine und in Wahrheit mächtige Partei, welche wußte, was sie wollte, und dadurch auf den König einen gewaltigen Einfluß übte. Nicht ohne zureichenden Grund hat man diese „Camarilla", wie Leopold von Gerlach selbst sich öfters (z. B. S. 310 des gleich zu nennenden Werkes) ausdrückt, eine förmliche Nebenregierung genannt, welche zwischen König und Minister in der Mitte stand, welche zwischen ihnen vermittelte, wo Differenzen entstanden, und vielfach die eigentliche Entscheidung gegeben hat.
Der General hat von dem Jahre 1826 an fortlaufende Aufzeichnungen hinterlassen, welche jetzt seine Tochter der Oeffentlichkeit übergibt. Wie sie in der V"--^ " versichert, hat sie im Wesentlichen bloß diejenigen Theile weggelassen, wer .-e p. Familiendinge bezogen; das entsprach der eigenen, ausdrücklichen Absicht des Generars selbst. Was aber in dem 848 Seiten starken Bande gegeben wird, das sind ausschließlich eigene Worte des Generals.
Die Tochter hat den Vater in dem Vorwort kurz und treffend charakterisirt, wenn sie ihn „den treuen Diener seines so sehr geliebten Königs und den unerschrockenen Bekenner seines himmlischen Herrn in jeder Lebenslage" nennt. Wir wollen nun hier Gerlach nicht kritisiren: Die Weltauffassung des Generals, oder vielleicht richtiger die Consequenzen, welche er ans dieser Auffassung ziehen zu müssen glaubte, werden, um wenig zu sagen, von Vielen heute wie einst verworfen; Andere theilen sie mit Entschiedenheit, so daß er keine Persönlichkeit ist, die nur für die Vergangenheit Bedeutung
Deutsche Rundschau. XVIH, 9. 30