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Deutsche Rundschau.
hätte. Angesichts dieser Gegensätze begnügen wir uns zu sagen, was sür einen Eindruck aus dem Buche wir von dem Verfasser bekommen haben, und der ist kurz gesagt der eines ehrlichen Mannes aus einem Guß. Ueberall richtet Gerlach sein scharfes Auge aus die religiöse Seite der Dinge und der Menschen; er will stets sehen, ob da, wo er gerade nun hinkommt, „Gott auch eine Gemeinde hat", und wer zu dieser Gemeinde gehört; keine größere Freude sür ihn als sagen zu können: Dem Manne sieht mau es an, wie ihm das Wort Gottes ins Herz gedrungen ist (vergl. S. 12). Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet er Alles, Einrichtungen und Menschen; nur aus dem offenen Bekenntniß zu dem himmlischen Herrn kann Heil und Segen sür den Einzelnen wie sür das Volk und den Staat ersprießen; in den Wirren, mit welchen das Jahr 1850 schließt, getröstet er sich des Wortes: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Aus dem politischen Gebiete ist Gerlach der Vertreter „der persönlichen That des Königs" (S. 576) und demgemäß der geschworene Gegner des Constitn- tionalismus, den er wiederholt eine Lüge nennt, mit welcher man nicht regieren könne; er berührt sich da ost wunderbar mit den Ansichten der Berliner Radicalen (S. 331). Radowitz erscheint ihm als die Verkörperung einer falschen Staatskunst, welche — statt Oesterreich bei Deutschland sestzuhalten, wodurch allein die deutsche Einheit möglich gemacht werden kann — es „nach der elenden Gagern'schen Politik" aus Deutschland ausstößt und es so Rußland in die Arme treibt, während die süddeutschen Staaten, welchen Preußen Schutz nicht gewähren kann, genöthigt werden, sich an Frankreich anzulehnen (S. 333). Aus diesem Gedankenkreis heraus findet Gerlach großes Gefallen an Bismarck: daß dieser 1851 nach Frankfurt gesandt wurde, ist ganz Gerlach^s Werk (S. 620—637) — welche eine Ironie der Geschichte, daß der Mann, welcher mit Leib und Seele die alte Politik in der deutschen Frage vertrat, dem Bahnbrecher der neuen, rettenden Politik in den Sattel hals, ihn aus den Schauplatz stellte, wo ihm die Schuppen von den Augen fallen sollten! So sehr aber Gerlach sür das Königthum von Gottes Gnaden und gegen jede Revolution Antritt, so ist er doch durch und durch ein Mann von selbständigem Charakter; die Macht des Königthums von Gottes Gnaden ist sür ihn nicht dasselbe wie welscher Absolutismus und zarischer Despotismus; er entrüstet sich über das „Pandurenregiment", das Schwarzenberg in Oesterreich einführen will, wo die Gemeinden von Gensdarmen, statt von gewählten Obrigkeiten regiert werden sollen (S. 578). Er ist bereit, jeden Befehl des Königs zu erfüllen, dem er mit germanischer Mannestreue ergeben ist: aber er wahrt sich das Recht seiner eigenen Meinung und ihres freien Ausdrucks auch vor dem Throne; in den vortrefflichen Abschnitten über Rußland, das er mit dem Prinzen Wilhelm 1826 und später noch öfter besuchte, bekundet er eine große Abneigung gegen die geistlose Regierungsform, welche das weite russische Reich mit „schrecklicher Gleichförmigkeit und Freiheitenlosigkeit" heimsucht (S. 4) und dem gegenüber ihm der Gedanke der Einführung provinzieller Administration und provinzieller Stände der alleinige Weg zu besseren Zuständen scheint. Dem eigenen König gegenüber empfindet er das echt sittliche Gefühl des „freien Gehorsams", wofür den Russen aller Sinn abgeht, und „der stolzen Demuth am Hof des Königs eines freien Landes". Er will dem König die Stieseln putzen, wenn es verlangt wird; aber aus seinen Befehl Radowitz sür einen Staatsmann zu halten — das ist ihm unmöglich. Die Schwächen des Königs erkennt er sehr gut: derselbe ist gescheiter als seine Räthe, aber es fehlt ihm an Thatkraft; er denkt sich auch in die Ideen seiner Gegner hinein, und darüber verliert er die Fähigkeit, seine eigenen Gedanken entschlossen durchzuführen; wenn er einmal sich aufrafft, so verwirklicht er nicht reiflich Erwogenes, sondern blitzartige Einfälle seines Geistes.
Das Werk ist reich an Belehrung namentlich für die Jahre 1848—1852, woraus wir aber aus Mangel an Raum nicht eingehen können, und nicht minder reich an bezeichnenden Einzelzügen: es sei gestattet, einen für viele mitzutheilen (S. 11). Ein junger Mensch, welcher am Dekabristenaufstand betheiligt war, fällt dem Zaren Nikolaus zu Füßen und gesteht ihm Alles. Der Kaiser sagt ihm, er wolle ihn nur mit sechs