Literarische Rundschau.
467
Monaten Festung strafen; dem jungen Menschen laufen die Thränen über die Wangen, er hat aber kein Taschentuch zum Abtrocknen derselben. Da gibt ihm Nikolaus sein eigenes und läßt es ihm mit den Worten: „Behalte es, erinnere Dich dabei, daß Du Thränen der Reue darein geweint hast."
G. Egelhaas.
Zur schwäbischen Literaturgeschichte.
Beiträge zur Literaturgeschichte Schwabens. Von Hermann Fischer. Tübingen, H. Laupp. 1891.
Wirst man einen raschen Blick über die schöne Literatur in Schwaben, wie sie seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine bunte Reihe von Erscheinungen hervorgetrieben hat, so fällt wohl das scheinbar Zusammenhangslose, das Abspringende in der Folge dieser Erscheinungen aus. Man sieht plötzlich Individuen aufschießen, die etwas bedeuten, die aber auf dem eigenen Boden fast fremd sind und aus diesem anscheinend geringe Spuren zurücklassen. Jeder scheint eine Welt für sich zu sein, abgegrenzt nach rückwärts und nach vorwärts. Größere, unvermitteltere Gegensätze sind kaum zu denken als Wieland und Schubart, mit denen Schwaben, nach langem Schweigen, seinen ersten Beitrag zur wiedererwachten deutschen Literatur liefert. Dann schießt jäh die Gestalt des großen Marbachers auf, seine Umgebung so weit hinter sich zurücklassend, daß jeder Zusammenhang verloren geht. Von ihm wieder zu Uhland scheint keine Brücke hinüberzusühren, und zwischen Beiden steht in einsamer Größe Hölderlin- Hyperion mit seiner Sehnsucht nach der Hellenenherrlichkeit. Das sind freilich nur die Spitzen. Steigt man tiefer hinab, so stößt man auf den gemeinsamen Boden, ohne den Keiner zu denken ist und von dem Alle ihr Theil mitbekommen haben. Man trifft aus eine untere breitgelagerte Literaturschicht, deren einzelne Namen nicht viel bedeuten, deren Kenntniß aber doch unentbehrlich ist. Bei Schiller haben erst die neuesten Biographen sich bemüht, den Boden, aus dem er seine ersten Kräfte gezogen hat, genauer zu erforschen. ^
Die Beiträge zur Literaturgeschichte Schwabens, die der Germanist der Tübinger Hochschule unlängst veröffentlicht hat, bewegen sich zum Theil in diesen unteren Räumen, deren Wichtigkeit doch nicht ausschließlich nach dem minderen Glanz der Namen bemessen werden darf, und alle rühren sie ersichtlich von einem Forscher und Kenner her, der sich der Zusammenhänge, auch der verborgenen, auf diesem Gebiete wohl bewußt ist. klebrigeres gruppiren sich mehrere derselben um Ludwig Uhland, dem H. Fischer schon im Jubiläumsjahr eine eigene schöne Schrift gewidmet hat. Einer der Aussätze schildert den Kampf, den im Anfang dieses Jahrhunderts die Romantiker und ihre Gegner, die Classicisten, auf schwäbischem Boden ausgesuchten haben, ein Kampf, bei dem die größeren geistigen Mittel auf Seite der Romantik waren, diese aber eine stark gewurzelte Tradition zu bekämpfen hatte. Als Parallele hätte wohl daran erinnert werden können, daß ein Menschenalter zuvor auch die neue Dichtung der Stürmer und Dränger in Altwürttemberg durchweg abgelehnt und bekämpft worden War, bis in Schiller ein verspäteter, aber autochthoner Vertreter der Genieperiode erstand. Eine andere Untersuchung gilt den Beziehungen Uhland's zu den Literaturen des Auslandes, und ein dritter Aufsatz beschäftigt sich mit dem Verhältniß Uhland's zu — Hebbel. Das scheint eine gewagte Zusammenstellung; sie rechtfertigt sich aber durch die ungemeine und beharrliche Verehrung, die Hebbel Zeitlebens dem Lyriker und sogar dem Dramatiker Uhland bewahrt hat. Daß das Verhältniß ein ziemlich einseitiges blieb, erkärt sich ebenso aus der trockenen Schweigsamkeit des schwäbischen