i
^ -
Redensarten. Dreimal habe ich ihn sagen hören: ,Das wäre wieder Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie? So was sagt kein anständiger Mensch mehr, und jedenfalls setzt er nicht hinzu: ,daß er das Wasser abstellen wolle? Das ist ja eine schreckliche Wendung?'
Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der Kastanienallee gekommen.
Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter in Aussicht gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein richtiger Oktobertag, klar und srisch und milde zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das noch Ziemlich dichte Laub, und die Netter freuten sich des Spieles der Scharten und Lichter. Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als sie bald danach in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine flache, nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels bilden, traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar einzelne, wie vorgeschobene Coulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar.
Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken Zu lassen; aber sie kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich nmschauten, eines alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch einen flachen Graben von ihnen getrennt, auf einem Stück Wiese stand und das hochstehende Gras mähte. Jetzt erst sah auch er von seiner Arbeit auf und zog seine Mütze. Die Herren thaten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien das weder Zu wünschen noch Zn erwarten, und so ritten sie denn weiter.
„Mein Gott," sagte Nex, „das war ja Krippenstapel. Und hier draußen, so weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die Seehundsfellmütze, die wie aus einer konfiscierten Schulmappe geschnitten aussah, gehabt hätte, hätt' ich ihn nicht wieder erkannt."
„Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl Zutreffen," sagte Woldemar. „Krippenstapel kann eben alles — der reine Robinson."
„Ja, Stechlin, Sie sagen das so hin, als ob Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber was Großes, sich immer selber helfen zu können. Er wird Wohl 'nen Sparren haben, zugegeben, aber Ihrem Lorenzen ist er doch um ein gut Stück überlegen. Schon weil er ein Original ist und ein Eulengesicht hat. Enlengesichtsmenschen sind andern Menschen immer überlegen."
„Aber CZako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. Und Sie wissen es auch. Trotzdem, Sie möchten dem armen Lorenzen was am Zeug flicken, bloß weil Sie herausfühlen: ,das ist eine lautere Persönlichkeit?"
„Da thun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich bin auch fürs Lautere, wenn ich nnr Persönlich nicht in Anspruch genommen werde."
„Nun, davor find Sie sicher, — vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, mich aus ein Weilchen entschuldigen Zn wollen. Ich muß da nämlich nach
dem Forfthause hinüber, da drüben neben der Waldecke."
„Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei 'neu: Förster?"
„Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und zwar derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehn haben. Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah' scholl historischer Name."
„So, so; jedenfalls brillanter Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind, sind' ich diesen Abstecher übertrieben artig."
„Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler handelte. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um ihn, sondern um seine junge Frau."
1a boinm beure?'
„Ja, da sind Sie nun auch wieder ans einer falschen Fährte. So was kann nicht Vorkommen, ganz abgesehn davon, daß mit Oberförstern immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen einen weg, man weiß nicht wie... Es handelt sich hier einfach um einen Teilnahmebefuch, um etwas, wenn Sie wollen, schön Menschliches. Frau Katzler erwartet nämlich."
„Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer rätselhafter. Sie können doch nicht bei jeder Obersörsterssrau, die .erwartet', eine Visite machen wollen. Das wäre denn doch eine Niesenanfgabe, selbst wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft hier beschränken wollten."
„Es liegt alles ganz exceptionell. Uebrigens mach' ich es kurz mit meinem Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum ich bitte, so hol' ich Sie bei Genshagen noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine Stunde, und wenn wir's forcieren wollen, keine halbe."
Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt auf das Forsthaus Zu.
Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; jetzt ritten diese beide nebeneinander. Czako war neugierig und hätte gern Fritz herangerufen, um dies und das über Katzler und Frau Zu hören. Aber er sah ein, daß das nicht ging. So blieb ihm nichts als ein Meinungsaustausch mit Rex.
„ Sehn Sie," hob er an, „unser Freund Woldemar, trabt er da nicht hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt 'ne Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und dies merkwürdige Interesse für den in Sicht befindlichen Erdenbürger. Uebrigens vielleicht ein Mädchen. Was meinen Sie dazu, Nex?"
„Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer eignen frivolen Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben an reine Verhältnisse. Sehr mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern, es giebt dergleichen."
„Nun ja, Sie, Nex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet. Aber Stechlin..."
„Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein Regiment weiter ansgebildet."