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Ueöer Land und Weer.
Worte von ihrem Weinvorrat mit. Diese hart arbeitenden Menschen leben mit der kärgsten Kost, aber der Marmorstaub zwingt sie, die Kehle öfter anzufeuchten, als gut ist. Ter Wein erhitzt das ohnehin heiße Blut, daher den Carraresen das Messer bekanntermaßen sehr lose im Gürtel sitzt. Das Trinken ist auch der Hauptgrund, weshalb die Revolution von 1894 noch immer heimlich weiter glimmt. Die Löhne sind hier besser als anderwärts; was die Leute zum Ausstand trieb, war die sozialistische Agitation und das Schauspiel des ungeheuren Gewinnes, der aus ihrer Hände Arbeit gezogen wird, denn alle Besitzer der Marmorbrüche sind Millionäre, und die ganze Küste entlang sieht mm: ihre feenhaften Marmorvillen aus dem Boden steigen.
Bevor die Bahn ans der Station von Ravaccione ein- länft, trifft man bei Polvaccio einen alten Steinbrnch ans der Römerzeit. Aller Marmor des Pantheon, der Trajans- säule, des Titusbogens ist aus diesem Bruch hervorgegangen.
Karren zum Trans:
MM
Hier schlief auch der Apoll von Belvedere den Schlaf des Nichtseins, bevor Künstlerhand ihm seine ewigen Formen gab. Und neben ihm schliefen andre unvergängliche Gestalten, die erst viele Jahrhunderte später ans Licht gerufen wurden: der David Michelangelos und die Kolossalstatuen auf den Mediceergräbern. Ans Colonnata, gleichfalls einem alten Römerbrnch, stammt dagegen der weiße Marmor, der in großen Mengen für die Gruft Napoleons I. im Jnvalidendom zu Paris verwendet wurde.
Und hat man mit Staunen drunten im Thal die Menge der nnfgespeicherten Blöcke gesehen, so bewundert inan jetzt doppelt die Größe und Unerschöpflichkeit der Natur. Was auch seit Jahrtausenden in diesen Bergen gebrochen wurde, was Tag für Tag mit den ungeheuren Mitteln moderner Technik heransgeiördert wird — es ist ein Garnichts gegen die Blasse des Gebirgs. Aus seine:: Ein- geweiden sind seit den Zeiten der Etrusker ganze Städte hervorgestiegen und ein Volk von marmornen Gestalten, aber nirgends hat sein starres Profil sich um eine Linie
verändert. Wenn auch gelegentlich durch unvorsichtigen Anbruch eine Bergwand einstürzt, was will das der gigantische:: Gebirgsformation gegenüber besagen! Und solange Monumente errichtet und Statuen gemeißelt werden, wird dieses Gebirge ansreichen, die Welt mit Marmor zu versorgen.
lieber fünfhundert Marmorbrüche sind allein in der Gegend von Carrara in Thätigkeit, gar nicht zu rechnen, was in dein nahen Massa, in Serravezza und Pietrasanta gebrochen wird. Die Zahl der Arbeiter, die mit dem Sprengen, dem Behauen, dem Sägen und Schleifen sowie dem Transport der Steine beschäftigt sind, wird auf gegen zwanzigtausend angegeben.
Zum Transport werden neben der Marmifera, die seit dem Jahre 1875 in: Gang ist, noch immer, wie vor alters, die Ochsenfuhren benutzt. Es sind dieselben Karren, wie sie schon zu Zeiten der Römer und Etrusker gebaut wurden,
voll Marmorplatte».
mit niedrigen, aber wuchtigen, bleibeschlagenen Rädern, deren Zahl sich nach der Länge des Fuhrwerks richtet. Tie Ochsen sind klein und grau, von einer besonders zähen Rasse, mit ungeheuren, prächtig geschwungenen Hörnern; sie tragen den eisernen Ring in der Nase, durch den das Leitseil läuft; ihre Hufe sind mit Blei beschlagen. Um einen Block von mäßigem Umfang zu Thal zu ziehen, braucht es ihrer zwei bis sechs Paare. Ich sah in der Gegend von Carrara aber auch Fuhren, denen zwanzig und mehr Ochsen vorgespannt waren; sie bilden dann ganze Karawanen und ziehen unter dem Geschrei der Treiber wie eine lange, ungefüge Schlange den Berg hinab. Ein kleinerer Marmorblock, der an langer Eiseilkette auf dem Boden nachschleift, dient zum Bremsen.
Jedes Paar Ochsen trägt ein Joch von mächtigem Gewicht, das den unglücklichen Tieren die Köpfe niederzwingt, und man begreift nicht, wie sie es ansteilen, sich mit den Riesenhörnern nicht gegenseitig zu stoßen. Au: jeden: Joch sitzt rückwärts gewendet ein Treiber mit den: