Heft 
(1897) 07
Seite
138
Einzelbild herunterladen

138

Zlebcr Land und Weer.

Rahmen eingespannt und hängt in Stricken; die Säge- wirknug entsteht durch den Druck des Eisens mit Hilfe von eingespültem Sand.

Nach dein gleichen System, aber ins Große arbeitet die Sägemaschine. In einen Rahmen, deren ein Mühl­rad viele gleichzeitig treibt, sind wohl dreißig Sägen in verschiedenem Abstand voneinander eingespannt, so daß ein Block in ebensoviele Platten von verschiedener Ticke zer­legt wird.

Ist die Platte zersägt, so kommt sie zur Politur, und auch hier konkurrieren Menschenhände und Maschinen. Bei der Handpolierung muß etwas feuchter Flnßsand mit einem Stück Blei unablässig ans der Platte hinundhergerieben werden, wozu bei einer Platte von mäßigem Umfang mehrere Männer erforderlich sind. Tie Poliermaschine hingegen läßt in einfacher, aber höchst sinnreicher Weise eine Platte durch die andre mit­tels Sand abschleifen, indem sie die oben liegende in rotierende Bewegung versetzt.

Nun aber ist es genug des Marmors; der Glast wird nach­gerade unerträglich, und zugleich werden die Ohren von all dem Gehämmer und Geschrille völlig be­täubt. Der Rückweg an den brausenden Kaskaden des Car- rione brächte den müden Nerven Er­holung, wenn nur der Fuß nicht ge­nötigt wäre,beijedem Schritt den knöchel­tiefen Marmorstaub aufzuwühlen. Auch hier begleitet uns der Marmor aus Weg und Steg, selbst das elendeste Bauern­haus hat wenigstens Schwellen, Fenster­einfassungen und Brunnenrand von poliertem Marmor, nicht zu reden von dein Marmorabfall, der zu Dämmen, Straßenbeschotterung und ähnlichem benutzt wird.

Der Ueberdrus; wird endlich zu einer wahren Be- ! ängstigung, weil man das Gefühl bekommt, als fei hier i jeder Gegenstand bereit, sich unter unfern Händen in Mar- ! mor zu verwandeln. Ich gestehe, daß mir der Weg zun: ! Bahnhof am fpüten Abend eine Erlösung bedeutete. Noch ^ eine lange Strecke folgten uns die stummen Marmorfelder, die durch die Dunkelheit leuchteten, und unser Zug schleppte eine ungeheure Marmorlast nach der Küste.

Ein kurzer Besuch in Carrara genügt, um eine voll­kommene Uebersicht über die Gewinnung und Behandlung ! des Marmors zu erlangen. Nur der Natur des gewaltigen ^ Gebirges kommt man dort nicht so recht nahe, denn in ! Carrara ist alles städtisch kultiviert und abgeschlisfen. Wer i die Apuanifchen Alpen in ihrer Größe und Einsamkeit ! sehen will, dem sei eine Besteigung von Pietrasanta oder ! Serravezza aus dringend empfohlen. !

II. Serravezza.

Man redet gemeinhin von carrarischem Marmor, wenn man die edelste Marmorsorte, die heute im Handel vor­kommt, bezeichnen will. Aber die Fachleute wissen, dah­in diesem Jahrhundert Carrara als Marmorkönigin ent- ! thront worden ist; das benachbarte Serravezza hat ihm den Rang bedeutend abgelanfen. Dort sind die schon von Michelangelo angelegten Marmorbrüche, die zu seiner Zeit wegen mangelnder Transportmittel nicht ausgebeutet werden konnten, durch einen unternehmenden Schweizer, Herrn Henraux, nutzbar gemacht worden, und dieser liefert jetzt den Bildhauern ein Korn, den: Carrara nichts Aehnliches- an die Seite zu setzen hat. Sein ist fast aller Marmor, den der mächtige Gebirgsstock des Altissimo in seinen

Flanken trägt, lind­er giebt mit seinen Unternehmungen der ganzenGegend Arbeit und Brot. Nur wird durch die kauf­männische Ausbeu­tung der Kunst leider ein schlechter Dienst erwiesen, denn die Spekulation hat den Preis des köstlichen Materials zu fast un­erschwinglicher Höhe Hinaufgetrieben.

Tie Brüche von Serravezza sind nicht so bequem zu er­reichen wie die von Carrara; dafür hat ihre Besteigung aber die Reize einer wirk­lichen Bergtour.

Voic der Station Ouerceto, die durch die AufschriftSerra­vezza" täuscht, liegt das wirkliche Serra­vezza noch verschie­dene Kilometer ent­fernt. Das ganze Gelände ist ein ein­ziger Olivenhain, der wie ein lichtgrauer Schleier zwischen See und Gebirge liegt;

der rote Marmorbruch von Ceragiola schimmert kräftig hindurch. Mit Freuden lernt man hier einmal den

natürlichen Wuchs des Oelbaumes kennen. Drüben im Florentinischen und den angrenzenden Gebieten ist er ver­schnitten und niedergehalten; hier aber erreicht er

mit seinem vielfach verschlungenen, ganz abenteuer­lichen Stamm und der stolzen Krone eine gewaltige Höhe. An den Häusern ranken hohe Orangenspaliere, und feurig leuchten die reifen goldenen Bälle aus dem grünen Blätterschmuck hervor. Es ist ländlich still; nur die weißen, tief- gefurchten Wege und die meerwärts ziehenden Marmor­fuhren lassen die Nähe eines Industriezentrums erkennen.

Bei Corvaja sind wir schon im Gebirge. Nur einen Blick im Vorüberwandern auf dieses überraschende Felsenueft mit seinen hängenden Gürten, seinen von Farn umsponnenen steinernen Freitreppen, den Thorbogen, durch welche weitere Steiutreppen sichtbar werden, die in die natürlichen Felsen­stufen übergehen, einen andern Blick aus die rauhen Klippen,

Handmarmersüge.