Heft 
(1.1.2019) 05
Seite
228
Einzelbild herunterladen

228

Theodor Fontane» T6cile.

Sie hatte ganz verschrobene Ideen und war ab­wechselnd unendlich hoch und unendlich niedrig. Sie sprach mit der Herzogin auf einem Gleichheits­fuß, am liebsten aber unterhielt sie sich mit einer alten Waschfrau, die in unsrem Hause wohnte. War dann das Geld verthan, was keine Woche dauerte, so hatten sie zwölf Wochen lang nichts. Es wurde dann geborgt oder von Obst aus dem Garten gelebt, und wenn auch das nicht da war, so gab es »Pilzchen«. Aber glaube nur nicht, daß »Pilzchen« wirklich Pilze gewesen wären. Pilzchen waren große Rosinen, in welche, von unten her, halbe Mandelstücke gesteckt wurden. Das war mühe­voll genug und mit Anfertigung davon verbrachte Frau v. Zacha den ganzen Vormittag, um die Götter­speise dann Mittags auf den Tisch zu bringen. In­mitten des Schüsselchens aber lag, um auch das nicht zu verschweigen, eine besonders große Rosine, die nicht nur den ihr zuständigen Mandelfuß hatte, sondern auch noch von zwei horizontalliegenden und ebenfalls aus Mandelkern geschnittenen Speilerchen kreuzartig durchstochen war. An den vier Spitzen dieser Speilerchen saßen dann ebenso viele kleine Korinthen und stellten das rnorooan äo rokimtunoo her, das in der Sprache der Zachais »Io Uoi Ollaru- xiAuon« hieß. Eine Bezeichnung von der die Leute sagten, daß sich sowohl der Witz wie das Französisch der Familie darin erschöpft habe.

Dies, meine liebe Clothilde, sind meine persön­lichen Erlebnisse, Kindererlebnisse. Was dann weiter kam, weißt Du besser als ich. Wie immer Deine

Eva L.

Gordon hielt den Zettel in der Hand und zitterte. Dann aber war es mit eins, als ob er seine Ruhe wiedergefunden habe.Ja, das ent­waffnet! Groß gezogen ohne Vorbild und ohne Schule, und nichts gelernt als sich im Spiegel zu sehen und eine Schleife zu stecken. Und nie zu Haus, wenn eine Rechnung erschien. Und doch tag­aus tagein am Fenster und in beständiger Er­wartung des Prinzen, der Vorfahren würde, um Kathinka zu holen oder vielleicht auch Lysinka, trotzdem beide noch Kinder waren. Aber was thut das? Prinzen sind für's Extreme. Vielleicht nimmt er auch die Mutter. Alles gleich, wenn er nur überhaupt kommt und überhaupt wen nimmt. Sie gönnen sich's untereinander. Er ist ja generös und dann können sie weiter spielen. Ja, spielen, spielen; das ist die Hauptsache. Nur kein Ernst, nicht einmal im Essen. Ach, wer schön ist und immer in Trauer geht und »Pilzchen« ißt,

der ist für die Fürstengeliebte wie geschaffen. Arme Cscile! Sie hat sich dies Leben nicht ausgesucht, sie war darin geboren, sie kannt' es nicht anders, und als der lang Erwartete kam, nach dem man vielleicht schon bei Lebzeiten des Vaters ausgeschaut hatte, da hat sie nicht nein gesagt. Woher sollte sie diesnein" auch nehmen? Ich wette, sie hat nicht einmal an die Möglichkeit gedacht, daß man auch nein" sagen könne; die Mutter hätte sie für närrisch gehalten und sie sich selber auch."

Er drehte den Zettel noch immer zwischen den Fingern, zupfte daran und knipste gegen Rand und Ecken, alles ohne zu wissen, was er that. Endlich erhob er sich und sah auf die Baumwipfel hinüber, die jetzt in vollem Morgenlichte lagen.

Die Nebel drüben sind fort, aber ich stecke darin, tiefer, als ob ich auf dem Watzmann war'. Und ist man erst im Nebel, so ist man auch schon halb in der Irre, tzns tairo? Soll ich den Entrüsteten spielen oder ihr sagen: »Bitte, meine Gnädigste, schicken Sie den Hofprediger fort, ich bin gekommen um Ihre Beichte zu hören«. Und dann zum Schluß: »Ei, ei, meine Tochter«. Oder soll ich ihr von Bnßübungen sprechen? Oder von den zehn Geboten? Oder vom höheren sittlichen Standpunkt? Oder gar von der verletzten Weiblichkeit? Ich habe nicht Lust, mich unsterblich zu blamiren und Zeuge zu sein, daß sie lächelt und klingelt und ihrer Zofe zuruft: »Bitte, leuchten Sie dem Herrn»."

Er trat, als er so sprach, vom Fenster an die SpiegellConsole, wo, neben Uhr und Notizbuch, auch sein Cigarren-Etui lag.Ich werde mir eine Gleich- muths-Havanna anzünden und die eine Wolke mit der andern vertreiben. Liniilia üiriiliiiE. Colonel Taylor Pflegte zu sagen »alle Weisheit stecke im Tabak«. Und ich glaube fast, er hatte Recht. Ich werde meine Besuche bei den St. Arnaud's ruhig fortsetzen und mir gar keinen Plan machen, sondern alles dem Augenblicke überlassen. Ich glaube wirk­lich, das ist das Beste: sie freundlich ansehen und mit ihr plaudern wie zuvor, als Müßt' ich nichts und als wäre nichts vorgesallen? . . . Und am Ende, was ist denn auch vorgefallen? Was kümmert mich Sere­nissimus und sein Theesräulein? Oder Serenissi­mus II.? Oder gar der Kammerherr und Hofmar­schall? Ach, wenn ich jetzt an Jagdschloß Todtenrode znrückdenke . . . Deshalb schrak sie zusammen und wandte sich ab, als wir in die gespenstischen Fenster guckten. Und schon vorher, in Quedlinburg, als ich über die Schönheits-Galerieen und die Gräfin Aurora so tapfer perorirte, schon damals war es dasselbe. Nun klärt sich alles . . Arme, schöne Frau!"

(Fortsetzung folgt.)