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Frida Schanz.
Meinem guten Vater mochten die trauten Bilder früh verlorenen Familienlebens lockend vor Augen stehen; die Möglichkeit, neue Ordnung und neues Behagen gewinnen zu können, verwirrte ihn so, daß er es vergaß, die kalten, grauen Augen des Fräulein Beate mit den süßen, milden Sternen zu vergleichen, die aus dem Bildniß meiner todten Mutter noch immer auf seine Lagerstatt herniederlächelten. Er bot dem Fräulein seine Hand an und ließ sich, da sie ihm ihr Jawort wie eine Gunst verlieh, zu derselben Auffassung der Dinge bestimmen.
Von nun an war es mit den glückseligen Ferienzeiten aus. Eine musterhaft peinliche Ordnung herrschte im Hause, die Pfeifen und die lieben Bilder verschwanden, und die ausdruckslosen Gesichter unbekannter, philiströser Gestalten lächelten anspruchsvoll aus Strohblumenkränzen von den Wänden nieder. Der gemüthliche Tabaksgeruch war einem durchdringenden Duft von schlechtem Kaffee und Schmierseife gewichen, die guten Dachse waren verschwunden und Diana lag im Hofe an der Kette. Von dem einzigen Fenster, das unser Hans nach Osten und also nach den waldigen Strecken des Egerberg- landes sandte, war des Vaters Schreibtisch hinweg nach der Längswand des Zimmers transportirt worden; an seiner früheren Stelle stand nun ans einem weißgescheuerten Tritt ein Nähtisch mit Knäueln und zerrissenen Wäschestücken überdeckt, und von dem lieblichen Landschaftsbild, das meines Vaters Entzücken gewesen war, hob sich nun meist das scharfgezeichnete Profil meiner »Stiefmutter« ab.
Das Alles erzähle ich Dir, um Dir die Erlebnisse eines Nachmittags besser verständlich zu machen.
Es war ein dunstiger, beklemmend warmer Tag in der Mitte des Sommers, etwa drei Jahre nach der Wiederverheirathung des Vaters.
Die Mutter saß mit ihrem dicken, kleinen Buben noch bei Tisch, weil der verzogene Schlingel vor Geschrei und Unart, mit denen er den Anderen die Bissen Würzen mußte, während der eigentlichen Mahlzeit nicht zum Essen kam. Der Vater lehnte, das Prager Abendblättchen stndirend, auf dem steifen Sopha an der Wand und ich selbst sah mißmuthig vom Fenster aus, die lange, enge Straße entlang, dem Postboten entgegen, der eben daherkam.
„Gieb her," rief mir die Mutter zu, auf den Brief deutend, den der freundliche Graukopf mir einhändigte. Sie correspondirte viel mit den norddeutschen Verwandten und trug das Bewußtsein, die meisten Briefe von uns Allen zu empfangen, mit einer gewissen Wichtigkeit zur Schau.
„Er ist an den Vater," sagte ich deshalb mit heimlichem Triumph, dem guten Alten das gelbliche, sein beschriebene Couvert hinüberreichend.
Mit schlecht verhohlener Neugierde schielte sie nun, während sie dem Jungen die Bissen zulöffelte, nach dem Sopha hinüber, immer gespannter, da der Vater länger, als er zum Lesen nöthig hatte, auf das Papier starrte und aus seinem ehrlichen Gesicht Rührung, Nachdenken und eine gewisse unschlüssige Verlegenheit zugleich wiederspiegelte.
„Nun, was giebt's?" klang es endlich scharf durch das Schweigen.
„Da lies selbst, Beate," sagte der Vater, indem er ihr den Brief reichte und zugleich, mit den nassen Blicken durch's Zimmer irrend und der in meinen Augen geschriebenen Frage begegnend, mir mit den Wimpern winkte, ihm nach dem Gärtchen zu folgen.
„Liebster Gott, Volkmar, das wird einen Kampf geben," sagte er draußen. „Aber sie mußte es wissen und muß entscheiden."
„Was ist es nur?"
„Eine seltsame Geschichte. Erinnerst Du Dich des blassen Bildes, das früher über dem Spinde hing, des schönen Weibes im Zigeuneranzug? Es war die Cousine Deiner Mutter, die sich, wie Du weißt, in den jungen Theaterdireetor verliebte und trotz der Thränen ihrer Eltern die Seine wurde. Wir hörten noch oft von ihr, wie sie bei allem dem glänzenden, wechselnden Elend so glücklich sei und den Schmuck und Stern der elenden Wanderbühne bilde. Nun ist, seit der Tod Deine Mutter schweigen ließ, auch jede Auskunft von ihr ausgeblieben, und ich hätte das arme Ding wohl selbst vergessen, wenn ich nicht ihr Bild, das Beate von der Wand heruntergenommen, in mein Schreibtischfach zu den Photographien Deiner Mutter gelegt hätte, wo ich es öfters sehe. Ich hielt sie für gestorben, aber der Brief sagt mir, daß sie bis vorige Woche gelebt hat, freilich in unsäglichem Elend. Ihr Mann ist schon seit Jahren mitten aus der Bühne von einem Herzschlag betroffen worden, und Marie, die bei seiner Leitung eine gute Darstellerin geworden ist, hat noch unter der Direction seiner Nachfolgerin mit ihrer Kunst sich und ihrem Kinde das Leben gefristet. Die Truppe ist in Oesterreich, Galizien und Ungarn umhergezogen und hat erst vor einem Vierteljahr wieder das Egerland ausgesucht. In Harlassen, droben im Gebirge, spielten sie zuletzt, und dort ist es mit der Armen zu Ende gegangen. Im Grunde darfs einem nicht leid thun, daß sie auf dem schönen Bergsriedhos von ihrem kargen Leben ausruhen darf. -—Aber das arme Kind! — Volkmar, denke Dir, wir sollen es nehmen! Die Marie hat es ihr vor dem Tode an's Herz gelegt, daß sie mir schreibe. Ihr schien es eine Fügung Gottes, daß sie hier in unserer Nähe zum Sterben kam, und da ihr die Wirthin von meiner Heirath erzählte, phantasirte sie im Fieber von der freundlichen,