Heft 
(1.1.2019) 06
Seite
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Frida Schanz, vor der Schwelle des Glücks.

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Als Markstein, daß hier Regionen mit stär­kerer Besiedelung und regsamerem Menschenverkehre erreicht sind, steht Schloß Fischhorn da, welches, nachdem es sieben Jahrhunderte hindurch allgemach verwitterte, vom Fürsten Lichtenstein mit neuem

Glanze belebt wurde. Es ist eine der merkwür­digsten alt-neuen Burgen des Alpenlandes, nicht nur durch Ausrüstung und Schmuck, sondern auch durch die ahnungsvolle Schönheit der Eiswelt, die in seine Fenster hinabschaut.

Hör der Aclmelle öes t^lück--.

Novelle von Frida Schanz.

fragst mich, Liebste, ob mein Herz von jeder Neigung frei geblieben ist, ehe Du es Dir ganz und für ewig zu eigen gemacht hast. Ganz unberührt denn doch nicht; denn ein liebes, halb- verblichenes Bild trage ich seit zehn langen Jahren darin. Deine Schönheit und Güte gehörten dazu, den wehmüthig lieblichen Schatten zu besiegen! Darf ich Dir eine kleine Geschichte erzählen, mein Lieb?"

Das Mädchen, zu dem diese Worte gesprochen waren, lehnte die Wange traulich an.die Schulter ihres Verlobten, neben dem sie ans den dämmer­hellen, slieder- und schwarzdorn-überdachten Garten­wegen dahinschritt.

Siehst Du," sagte er, nachdem er die feine Hand geküßt hatte, welche die seine zum Zeichen zärtlichen Einverständnisses drückte,es giebt Stun­den, welche die weittragendsten Erlebnisse im engen Rahmen zusammcnfassen und der Erinnerung auf diese Weise ein immer scharfumgrenztes Ganzes, ein bis in die fernste Zeit deutlich erkennbares, hell beleuchtetes Bild abgeben. Was ich Dir jetzt erzählen will, ist die Geschichte eines Nach­mittags.

Du weißt, daß meine Jugend nicht, wie die Deine, in Glanz und Glück verfloß. Die kleine, nordböhmische Stadt, in der mein Vater, den die Landwirthschaft um sein Vermögen gebracht, nun eine armselige Verwaltungsstelle inne hatte, drückte unseren Verhältnissen ein kleinliches, unerfreu­liches Gepräge auf. Ich konnte von Glück sagen, daß mein Onkel, der seinen einzigen Sohn ver­loren, mich im zehnten Jahre nach Wien nahm, um mich studiren zu lassen. Und doch so un­freundlich mir der ärmliche Heimathsort bisher immer erschienen war, so lieb ließ mich nun das Heimweh ihn gewinnen. Des Vaters Vorzüge vollends sah ich erst ganz ein, als ich nicht mehr bei ihm war. Er erschien mir nun, wie aus dem Hintergrund seiner Umgebung hervorgehoben, viel zu gut und vornehm für den geringen Wirkungs­kreis. Den Ferien, die ich bei ihm zubrachte, sah ich stets mit freudigem Herzklopfen entgegen. Die

bescheidene Wohnung des Vaters, die ihm seine böhmische Magd nicht sonderlich sauber hielt, schien mir mit ihrem durchdringenden Tabaksdunst, dem Gekläff der Dachse und der schlanken Windhündin, die ihm aus besseren Tagen treu geblieben waren, mit den Pfeifeneollectionen und den lieben bekannten Bildern an den Wänden doch das Trauteste, was sich denken läßt. Der Vater vergalt mir meine Zu­neigung, die erst in der Fremde so deutlich erwacht war, mit rührender Zärtlichkeit, wie er überhaupt als hervorstechendes Merkmal seines im Ganzen schwachen, lenksamen Charakters etwas Ueberguellen- des, Liebebedürftiges an sich trug.

Wenn wir, von den drei Hunden begleitet, am Sonntag Morgen durch das unvergleichlich reizende bergige Waldgebiet, das sich in der Nähe unseres Städtchens zu beiden Seiten der Eger ausbreitet, irgend einem schönen Landschaftspunkte zuwander- ten, so ging uns Beiden in Liebe und Naturfreude das Herz aus, und wir sind oft streckenweit, innig umschlungen, ein altes, bewegliches Volkslied sin­gend, dahingeschritten.

Das alles wurde anders, als es dem Vater, etwa in meinem siebzehnten Lebensjahre, einfiel, den Platz meiner guten, früh gestorbenen Mutter einer anderen Frau einzuräumen. Er hatte im be­nachbarten Karlsbad, wohin er in Geschäften häufig zu wandern Pflegte, ein norddeutsches Fräulein ken­nen gelernt, die im Hause von Bekannten ein Zim­mer gemiethet hatte, um die Sprudelkur zu ge­brauchen. Sie speiste am Tisch ihrer Wirthe, kam dadurch mit meinem Vater zusammen, lernte seine Verhältnisse kennen und mochte an seiner noch im­mer stattlichen Erscheinung, seinem guten, von wei­chem, braunem Bart umwallten Gesicht und den treuen Augen Gefallen finden. Sie ließ ihn mit berechnetem Zutrauen Einblicke in ihre Lage thun, offenbarte ihm gesprächsweise, daß sie trotz trüber Herzensersahrungen ihr Schicksal noch nicht für ab­geschlossen halte und nicht engherzig genug sei, um das Vermögen, das ihr nach der Auslösung eines ererbten Geschäftes geblieben, nur zu eigenem Be­hagen zu verwenden.