vor der Schwelle des Glücks.
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lieben Frau, die ihrem Mägdlein nun Mutter sein werde."
„Wo seid Ihr?" scholl es in diesem Augenblick in gereiztem Ton vom Gartenthore her.
„Hier, hier, Beate," rief der Vater freundlich. Er stand von der niederen Bank auf und schritt gebückt unter dem wilden Rebengehänge hinweg, welches die Laubenpforte umwucherte, der Mutter entgegen. Ich sah, wie er ihre Hand faßte und ihr mit thränenden Blicken in's Antlitz sah.
Sie aber schien nichts von seiner Rührung zu bemerken. „Volkmar muß noch heute nach Har- lassen. Das wäre schön, wenn die Truppe weiterzöge und das Mädchen zurückließe," sagte sie. „Es ist unglaublich unverschämt! Diese Zumuthung der Comödiantensrau! Als ob wir nicht selbst Noth hätten, um satt zu werden!"
„Sei barmherzig, Beate! Gott lohnt dir's!" sagte der Vater gepreßt. „Wir können ja die Magd fortschicken. Das Kind ist über 15 Jahre alt und verspricht, fleißig zu arbeiten."
„Das wird üvas schaffen!" höhnte sie dagegen. „Das Theaterprinzeßchen! Warum will sie denn nicht mit der Truppe weiterziehen?"
„Weiß Gott, warum es die Sterbende nicht wollte," brachte der arme Vater hervor.
„Warum!" rief ich da, aus der Laube hervortretend und mich ordentlich kampsgemuth vor der Mutter aufpflanzend. „Weil jede Blume in giftiger Sumpfluft ersticken und sterben muß! Herr Gott, Mutter, ist es Dir um den Bissen Brot zu thun für die Waise? Erschüttert es Dir nicht das Herz, daß Dir's anheim gegeben ist, sie vielleicht noch rechtschaffen und glücklich werden zu lassen?"
Auf diesen Verzweiflungsschrei hatte die Frau keine andere Antwort, als ihr schrilles, böses Lachen. Sie wußte, daß ich immer geschlagen war, wenn sie zu lachen begann und freute sich ihres Sieges.
Eine Stunde später war ich aus dem Wege nach Harlassen, um dem Comödiantenkind zu sagen, es möge getrost mit der Truppe weiter wandern, und um ihm klar zu machen, daß es ein ödes, farbloses Elend gäbe, das noch viel drückender sei, als das flitterndbunte, in dem es ausgewachsen.
Der Wunsch, Harlassen noch früh am Tage zu erreichen, hatte mich den directesten Weg, die sonnige, staubüberdeckte Landstraße wählen lassen, die, zu beiden Seiten von jungen Eschen spärlich überbrückt, zwischen den erntereifen Fluren dahin, und hier und da durch eins der armseligen Dörfer und Städtchen hindurchsührte, mit denen der Nordwesten Böhmens übersäet ist. So oft die Chaussee, die sich fortwährend hob und senkte, einen Blick in die Weite freigab, stand ich still und suchte den kleinen Ort, dem ich zueilte, mit den Blicken an der ser-
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nen, wohlbekannten Berglehne auf. Trotz der eigen- thümlichen, weißflimmernden Dichte der heißen Luft, welche die blauen Grenzen des Hügellandes mit dem Himmel verwob, ließ mich ein grell aufflackerndes Blitzen, das 'von einem die Sonnenstrahlen spiegelnden Fenster, Gestein oder Gewässer auszugehen schien, die gesuchte Stelle immer wiederfinden.
Um die Vesperstunde war ich ihr nahe. Mit glühendem Gesicht stand ich vor der letzten Windung der Straße still, von welcher ein schmaler Fußpfad sich quer über den Gemeindeanger hinweg und durch ein sommerbuntes Gärtchen hindurch nach der Hinterthür des Gasthofes zweigte. Theils um meinen Weg zu kürzen, theils um den Blicken der vor der Einfahrt jetzt zum Vespertrunk versammelten Bauern zu entgehen, schlug ich diesen schmalen Steig ein. Zufällig irrte mein Blick an der Wand des Hauses empor und haftete auf einem offenen Fenster, — demselben, in dessen zurückgeschlagenen Flügeln ich die Sonne von weither hatte blitzen sehen, — und aus dem sich jetzt ein junges, verweintes Mädchengesicht erwartungsvoll mir entgegenbog. Unwillkürlich nickte ich und zog den Hut.
Da ging ein sonniges, befreiendes Leuchten über die müden, schönen Züge, ein feuchtes Tüch- lein flatterte als Willkommgruß über den gluth- versengten Geranienstöcken des Simses, und eine Secnnde später entschwand die kinderzarte Gestalt aus dem flimmernden Rahmen. Als ich in den Garten trat, flog sie mir entgegen, — schlank, übergroß für ihr Alter und über alle Begriffe reizend in dem armen, schwarzen Röckchen und in dem dünnen, vergrauten Brusttuch von Trauerflor.
„Nun bist Du doch gekommen, Vetter," sagte sie, indem sie meine Hand mit ihren blassen, weichen Fingern umschloß. Sie wollte mehr sprechen, irgend etwas Liebes, Dankbar-Frohes, denn um ihren Mund zuckte es so lieblich, und in ihren feuchten Augen lag etwas, das einem Dankgebete glich. Aber die Erinnerung an ihre Trauer, an ihr frisches, heißes Weh, brach dem wehmüthigen Glück, das in ihr aufflatterte, sofort die Schwingen. Erschüttert barg sie ihr Gesicht in den Händen, und da ich ihr, selbst von der Stimmung des Augenblicks übermannt, beruhigend und kosend über den dunkelblonden Scheitel strich, sank ihr leichter Körper an meine Brust und ihre zitternden Lippen flüsterten: „Verzeih mir, daß ich weine, gleich, gleich bin ich still! Ich bin ja so froh, daß Du gekommen bist!"
Mit merkwürdiger Beherrschung richtete sie gleich danach den Kopf empor, strich die Tropfen aus den Augen und nestelte an den Falten des Busentuchs, das sich bei den heftigen Bewegungen zerdrückt und verschoben hatte.
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