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Frida Schanz.
„Glaube nicht, daß ich es so forttreibe," sagte sie mit wunderbarem Thräneulächeln. „Es ist jetzt alles noch so neu, weißt Du. — Komm, jetzt ist gerade Niemand in der Kammer droben, sie vespern vor der Thür. Ich habe noch ein Fläschchen mit Fruchtsaft, das mir die Pfarrersköchin für die Mutter gab. Damit will ich Dich erfrischen, dieweil ich meine Sachen rüste. In einer Viertelstunde können wir wandern."
Innerlich wund und weh, folgte ich ihr nach. Oben wollte ich es ihr sagen, daß unser Haus keine Heimstätte für sie habe.
„Wie heißt Du denn?" srng ich, als wir die hölzerne Treppe emporstiegen.
„Hermione," sagte sie leise, wie verschämt. „Ob Deine Mutter den Namen leiden mag? Er ist so fremd, — kein christlicher Name, sagt die Pfarrersköchin. Weißt Du, Dein Mütterchen kann mich ja anders nennen, Julie oder Johanna oder auch Marie, wie die Mutter hieß." —
Schon wieder wollte ihre Stimme in Schluchzen sterben, aber mit aller ihrer Kinderkraft kämpfte sie gegen den Schmerz.
„Weißt Du, Deine Mutter denke ich mir gar zu lieb, just so wie die meine," begann sie wieder.
„Wie lange ist denn die Deine todt?" frug ich ablenkend.
„Ach, rede mir jetzt nicht davon, ich möchte so gern stark sein," bat sie zitternd. — „Siehst Du, da in der Kammer wohne ich mit der Hanni und der langen Cläre zusammen, seit die Mutter —
-Ach Gott, ich komme immer wieder darauf.
Komm schnell, daß ich fertig werde, ehe die Andern wiederkehren."
Sie öffnete die Thür und ließ mich vor sich in das schmale, heiße Zimmer treten, in dem die drei dem Sonnenschein ausgesetzten, mit groben Laken überdeckten Strohschütten einen eigenen, an die Scheune mahnenden Dunst verbreiteten.
„Setze Dich auf mein Bett, ich möchte die Sachen da nicht wegnehmen," sagte sie, aus den einzigen Stuhl deutend, auf dem ein Haufen bunter, zerrissener Theatergarderobe ausgebreitet lag, „Du bist gewiß müde."
„Nur ein wenig heiß, ich bin sehr schnell gegangen. Ich wollte so gern eintreffen, ehe Ihr weiterwandert, um mit Dir zu reden," erwiderte ich, fest entschlossen, ihr nun alles zu gestehen. Aber mit rührender Unbefangenheit fiel sie mir in's Wort.
„Ach, wenn ich doch Worte wüßte, die Dir meinen Dank schildern könnten! Ja, heute Abend wäre es zu spät gewesen. Wir wollten zum Markt nach Eger ziehen. Wie entsetzlich war die Aussicht für mich, noch länger mit den Ändert! zusammen zu sein! Ich habe schon so oft Schläge be
kommen, weil ich nicht spielen kann. — Und jetzt erst mit der Trauer im Herzen! Wie verlachten sie mich immer, wenn ich Scherze sprechen sollte und dabei zu weinen begann. Sie sind Alle so grausam, so laut, so schmutzig, — und noch schlimmer ist es, wenn Einer freundlich ist."
„Es ist vielleicht noch nicht das Schlimmste, was es auf Erden giebt, bei ihnen zu sein."
„Noch nicht?" Sie sah von der kleinen, bunten Lade, vor der sie kniete und in die sie Stück für Stück von ihrer und der todten Mutter armseliger Garderobe legte, erschrocken zu mir empor. — „Ach ja, Betteln und Stehlen, das ist vielleicht noch schlimmer," sagte sie dann, wie sich besinnend, mit tiefem Seufzer. „Davor bat ich Gott, mich zu behüten, so oft ich in den letzten, schrecklichen Tagen daran dachte, ihnen zu entlausen, wenn Ihr mich nicht wolltet. — Nun bist Du da, nun ist alles gut!" —
Wie sollte ich ihr den Schmerzensstoß bei- bringen?
Nun legte sie das abgegriffene Gebetbuch, zwischen dessen Seiten unzählige Heiligenbilder und getrocknete Blumen hervorsahen, zu oberst in das Köfferchen und den Rosenkranz von braunem Holz daneben. Darauf schloß sie den Deckel und hob das leichte Ding in die Höhe.
„Hilfst Du mir ein wenig tragen?" frug sie sanft.
Da trat die Unmöglichkeit, sie mit mir zu nehmen, erbarmungslos vor meine Seele.
„Kind," sagte ich, „liebes, armes Ding, laß mich Dir noch ein Wort sagen. Du bist so tapfer und hast bei aller Jugend schon so brav dulden und harren gelernt —"
Mit welchem verklärten Leidensausdruck sie nun die schönen, sammetbraunen Augen zustimmend und erwartungsvoll auf mich richtete, kann ich nicht beschreiben.
Wir blieben beide eine Secunde lang still, sie träumerisch sinnend, ich zögernd, mit meinem ungestümen Herzschlag kämpfend. Da kam die Entscheidung von unerwarteter Seite. Ein schlürfender Tritt näherte sich von draußen der Kammerthür, dann klang des Mädchens Name ein paar mal leise, von einer widerlich süßlichen Diskantstimme geflüstert, zu uns herein, und da Hermione kein Wort zurückgab, nur, wie von Schreck gelähmt, die gefalteten Hände schlaff herabsinken ließ, öffnete sich die Thür und ein bartloses Männergesicht, mit verschwommenen, blassen Zügen, lugte vorsichtig spähend herein.
Als die Hellen stechenden Augen mich gewahrten, machte das begehrliche Lächeln, das die schmalen Lippen umspielte, einem hämischen Ausdruck Platz. Die ganze lange schlotternde Gestalt,