vor der Schwelle des Glücks.
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die sich traurig genug in dem verschossenen Sammetanzug ausnahm, schob sich nun mit feierlichem Jambenschritt durch die halbgeöffnete Thür ins Zimmer.
„Aha, in Gesellschaft? Gewöhnt sich das Täubchen die Sprödigkeit ab?" höhnte der widrige Gesell, indem er ein zerbrochenes Glas, das ihm am breiten Bande um den Hals hing, in's Auge klemmte. „Wer sind Sie, mein Herr, wenn ich fragen darf?"
„Wer giebt Ihnen das Recht — ?" begann ich trotzig, ehe ich aber mehr sagen konnte, flog das Mädchen stürmisch auf mich zu, preßte ihre Hand auf meinen Mund und sah mir mit zitternder Erregung ins Angesicht.
„Sage kein Wort, Vetter, um Gottes Willen kein Wort zu ihm! Er ist zu schrecklich, zu niedrig, er ist es nicht Werth, daß Du mit ihm sprichst. Laß ihn, und komm! Nur fort, nur fort! O Gott, ich bin ja frei, es hat ja nun alles ein Ende."
Ohne den Blassen, der sich mit blasirtem Hohn und doch unverkennbarer Verlegenheit auf den Hacken seiner buntgesticktcn Hausschuhe umdrehte, nur eines Blickes zu würdigen, zog sie das Flortuch, das ihre Schultern bedeckte, über das Haar, nahm ihr Köffer- chen vom Boden auf und stand nun, fertig zum Gehen gerüstet, da.
Daß sie hier in der That nicht bleiben konnte, war mir nun klar geworden. Der letzte Augenblick hatte mir das Furchtbare ihrer Lage ganz entschleiert.
Entschlossen nahm ich ihr die kleine Bürde ans der Hand und murmelte ein: „In Himmels Namen!" zwischen den Zähnen. Sie sah noch einmal mit wehmüthigem Ernst umher und dann überschritten wir zusammen die Schwelle, die Brücke zwischen dem gewissen jetzigen Elend und dem künftigen ungewissen.
„Komm durch die Hinterthür, ich will den Leuten nicht adieu sagen, ich kann es nicht," sagte sie drunten, aus den bunten Schwarm deutend, der sich auf den Bänken vor dem Eingangsthor mit frechem Lachen und Kreischen breit gemacht hatte. „Nur der Wirthin drücke ich noch die Hand. Geh Du voraus!"
Während sie in das Gastzimmer huschte, ging ich über den Anger nach der Landstraße zu. Nun ich allein war, fühlte ich erst das Gewicht der Verantwortlichkeit, die auf mir lag, dabei aber auch das stolze Glück, daß ich recht gethan habe und daß Gott mir weiter helfen müsse.
Ich beschloß, das Mädchen mit mir zu nehmen und im Gasthof warten zu lassen, bis ich die Mutter vorbereitet habe. Es mußte mir gelingen, sie zu erweichen. Eine lebendige trotzige Kampflust gegen die Härte des Geschicks flammte in mir empor. Ich wollte alle freien Stunden mit Unterrichtgeben ausfüllen, um durch den blanken Erlös meiner
Mußezeit die Mutter mit dem Dasein des Waisenmädchens auszusöhnen. Wie zum Schwur hob ich die Hand gen Himmel.
Da legte sich der schlanke, bloße Arm des Mädchens um meinen Hals, und ihre süßen, thränen- überströmten Augen sahen wie verklärt in mein stammendes Gesicht.
„Thut es Dir so weh, daß es mir schlecht ging?" sagte sie sanft. „Denke nicht mehr daran! Wir wollen nun Alles vergessen und glücklich sein!"
„Du hast Recht!" antwortete ich. „Recht glücklich! Der bösen Welt zum Trotz."
„Das Böse liegt nun hinter mir," meinte sie ruhig. „Ist es nicht sonderbar, daß ich es genau, ganz genau wußte, Du werdest kommen? Sie glaubten es alle nicht. Ich war so ganz davon durchdrungen, daß ich eine Stunde vorher auf den Kirchhof ging, um von der Mutter Abschied zu nehmen."
„Liebes Geschöpf!"
„Weißt Du, ich will nun alles hinter mir lassen, alle Trauer, alles Weinen! Ich weiß, daß es Euch weh thäte, wenn Ihr mich bekümmert sähet. Ich will mich an Eurem Glück und Eurer Güte sonnen. Nur in stillen Nächten noch will ich meinem todten Mütterchen leben. — Glaubst Du, daß ich allein schlafen darf?"
„Ich weiß es noch nicht. Vor der Hand wollen wir die ersten Stunden Deiner Freiheit durch einen schönen Weg feiern. Wir gehen quer durch den Wald nach Maria-Kulm und von da bergein nach der Eger hinab. Dort setze ich Dich über und führe Dich an der Liebau hin durch's Thal nach Haus."
Um ihr die Zeit glücklicher, erwartungsvoller Ungewißheit zu verlängern, hatte ich den längsten Weg gewählt. Es war Vollmvndzeit und hatte nichts aus sich, wenn wir in die Nacht hinein ge- riethen. Ich hatte dann den besten Vorwand, um meinen armen Schützling für's Erste nach dem Gasthof zu bringen.
So machte der Gedanke an die schöne Wanderung, der Hermione entzückte, auch mich froh und getrost.
Munter plaudernd gelangten wir durch die brauende Sommerschwüle nach Maria-Kulm, der alten Stadt, deren vielthürmige Wallfahrtskirche festungsgleich in die Lande herniederschaut.
Während wir uns im Gasthof zu schmalem Imbiß niedersetzten, begannen die Glocken ihr vielstimmiges Abendgeläut, das in so dichter Nähe, in der drückenden, immer noch von greller Glut durchzitterten Luft etwas Ahnungsvolles, Unheimlich- Drohendes hatte.
„Es ist sonderbar, ich kann nicht beten," sagte Hermione, die ihre Hände fromm gefaltet hatte.
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