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Frida Schanz.
„Mir ist es, als grolle von fern der Donner, auf den ich lauschen muß, in das Ave hinein."
Als das Läuten verhallte, rüsteten wir uns zum Weitergehen.
„Habt's weit?" fragte die Wirthin, als wir ihr die Zeche entrichteten.
„Bis nach K.durchs Liebauthal hinauf."
„Dann heißt's znlaufen oder die Nacht hier rasten. Drüben steht ein schweres Unwetter. Wer vor dem Regen nicht über's Wasser kommt, kann heut überhaupt nimmer drüber."
In der That grollte es schon drohend von Westen herüber.
„Wir wollen eilen!" sagte das Mädchen fröstelnd. „Ich kann es nicht erwarten, daheim bei Euch zu sein."
Ein Stück führt der Weg von den letzten Häusern der Stadt auf der Höhe des Bergkammes zwischen armseligen, schräg abgedachten Feldern hin, deren magere Ackerkrume nur verkümmerte, spärlich stehende Halme zeugt. Aber über diese am Wege liegende Kümmerniß hinweg sieht man ringsum fast frei in die ausgebreitete Pracht einer unvergleichlich schönen Landschaft hinein. Die waldumsüumten Windungen des Egerstroms prägen eine klare, schlanke Linie in die weithinaus fluthenden Wellen des niederen, mit schönen Feldern und Forsten überkleideten Berglandes. Das wechselnde Licht einer mit schwerem Gewölk kämpfenden Abendsonne gab dem reichen Bild etwas fremdartig Wunderbares.
„Zeige mir unsre Heimath," bat Hermione, als wir andächtig schauend still standen, ehe der Feldpfad sich zum Walde hinabsenkte.
„Du siehst sie jetzt nicht; sie liegt hinter dem Waldstreifen, den der Wolkenschatten bedeckt."-
Zwischen Moos und rissigen Baumwurzeln, von dem Gezweig ernster Riesenfichten überdacht, schritten wir nun thalein. Fast schroff fällt der Bergwald zum Flusse hinab. Wir sahen das feurige Geleucht von draußen noch zuckend in die Dämmerkühle hereinblitzen, dann aber plötzlich verlöschen, als hätte ein massiges Wolkenungethüm den Feuerball verschlungen. In den Wipfeln über unfern Häuptern begann es zu gleicher Zeit leise aufzurauschen, ein feiner Regen von spitzen Fichtennadeln rieselte hernieder, und plötzlich zuckte aus der über dem Walde aufsleigenden Wolkenwand eine leuchtende Zackenlinie über uns hin. In raschem Aufeinander wechselten nun Donnerschläge und neue Blitze.
Todtenblaß, aber mit ruhig lächelnden Lippen und klaren, weitgeöfsneten Augen schritt das Kind durch die flammende Pracht des zitternden Waldes.
„Fürchte Dich nicht," bat ich sie, indem ich den Arm schützend um ihre Schultern legte.
„Nein," sagte sie und schmiegte ihren Körper leise an den meinen, „es ist alles so wundervoll,
so ungewöhnlich, wie der Anfang eines Märchens, das mit einem großen Glücke schließt."
Wie im Einverständniß mit ihren Worten begann nun mit einem Male das eigenthümliche Aufjauchzen des Waldes, den der kühne Angriffsstoß des Sturmes schüttelte. Zugleich prallten die ersten schweren Regentropfen durch das prasselnde Geäst in das trockene, lechzende Bodengestrüpp, und dem erlösenden Naß breitete sich ein süßer aufquellender Moosduft entgegen, der mir erfrischend bis in das innerste Mark des Lebens drang.
„Nun wird es doch ein wenig ernst, Volkmar," sagte das Mädchen, als wir unter den tropfenden Zweigen hervor auf den nassen, schwankenden Wiesenboden traten, der sich zur Thalsohle der Eger hinübersenkte.
„Ich trage Dich zum Flusse," sagte ich zuversichtlich und doch mit heimlich süßer Scheu.
„Nein, nein," rief sie, leicht erröthend, „Du sollst sehen, wie schnell ich drüben bin."
Und leicht, wie vom Sturm verweht, flog sie mit flatterndem Haar und Tuch unter dem stäubenden Regen hin bis zum Ufer hinüber.
Als ich sie erreichte, stand sie schon am Fenster der kleinen Fährhütte und unterhandelte wegen der Ueberfahrt.
Aber weder der Schiffer noch das breitschultrige Weib, das neben ihm am Fenster erschien, hatten Lust, ihre trockene Haut jetzt auf's Spiel zu setzen. So blieb uns nichts übrig, als im dumpfigen Zimmer die Laune des Himmels abzuwarten, der seiner Leidenschaft in wenigen erschütternden Donnerschlägen und grellen Blitzen genug gethan zu haben schien und nun, nur verdrießlich weiter grollend, Unmassen von Regen herunterschüttelte.
Stundenlang harrten wir vergeblich auf Aende- rung des Unwetters. In gleichmäßiges Grau stoffen draußen Strom- und Regennaß zusammen, und so farblos und traurig lagerte sich der Abend um das Haus, daß Hermione die Lust verlor, mit sinnenden Augen in die Einförmigkeit hinauszuträumeu und schließlich vom Fenster hinweg nach der Herdbank im Hintergründe des Zimmers schlich und die Augen schloß.
Schnell wie ein Kind nach ermüdendem Tage, war sie entschlafen. Der ruhige Schlummer färbte ihr das blasse Gesicht mit warmem Rosenhauch und wandelte den Ausdruck leidvollen Ernstes, den sie auch beim Lächeln nie verlor, in harmlosen Frieden um.
Dies Bildniß beruhigten Schmerzes stachelte die ganze heiße Unruhe meines Innern wieder auf. Ein Erbarmen, für das es keine Worte giebt, schnürte mir die Brust zusammen. Unthätig zu harren, wo ich ihr vielleicht doch ein freundliches Geschick bereiten konnte, schien mir unmöglich. —