Heft 
(1.1.2019) 06
Seite
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Vor der^Schwelle des Glücks.

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So beschloß ich, den Schlaf der Waise zu be­nutzen, um voraus nach Haus zu eilen und das harte Herz, dem das arme Geschöpf soviel heiße Liebe eutgegentrug, durch Flehen und Versprechun­gen zu erweichen und auf die Ankunft Hermione's vorzubereiten. Ich bat die alten Fährleute, das Mädchen bis zu meiner Rückkehr hier zu behalten und ihr zu sagen, daß ich nach Haus geeilt sei, um die Eltern über unser Ausbleiben zu beru­higen und trockene Kleider und Schirme herbei­zuholen. Dann eilte ich in die Dämmerung hinaus, band einen der beiden Kähne vom llferpflock los und setzte ihn selbst über die Wellen. Mit Sturm­schritten eilte ich dann durch den strömenden Regen neben demLiebaubach hin das Thal entlang, dessen Mitte die nach der Heimath führende Landstraße kreuzt. In der Zeit einer knappen Stunde mag ich den Weg zurückgelegt haben.

Als ich mich unserem Hause näherte, kam mir der Vater entgegen, der schon während des ganzen Unwetters nach mir ausgeschaut hatte. In athem- loser Hast erzählte ich ihm die Erlebnisse des Nach­mittags.Gott wird mir nun Helsen, den Sinn der Mutter zu erweichen," schloß ich,ich weiß es daß er mir Helsen wird! Laß mich hinein."

Noch heute sehe ich das hilflose, todestraurige Gesicht, das der alte Mann mir znwandte.

Und ich sage Dir: Du wirst sie nicht er­weichen, so wenig wie diesen Stein, den ich vom Boden aufnehme," seufzte er.

Und genau so ist es gekommen. Sie blieb unbeweglich, starr und erbarmungslos, die schreck­liche Frau, die ich mit dem Knaben drinnen ans dem Lehnstuhl in der Zimmerecke fand, wo mein Mütterchen vor langen, langen Jahren die ersten andächtigen Worte von Gottes allgegenwärtiger Güte zu mir gesprochen hatte. Der Giftstoff des Spottes siel nun zündend in meine Leidenschaft. Das, was ich ans die engherzigen Worte meiner Stiefmutter erwiderte, war genug, um mir den Weg in die Heimath für immer abzuschneiden.

Wie rasend floh ich in die dunkelnde Nacht zurück über die bergige Straße, dann durch's Thal dem Strome zu. Ich wußte nicht, was ich wollte; nur eins: das Mädchen an meine Brust ziehen, ihre reine, weiße Stirn küssen, ihr alles sagen und ihr den ärmlichen Ersatz meiner heißen, mitleid­vollen Liebe für die erträumte Heimath bieten. Was mit uns beiden geschehen sollte, war mir gleich. Das nur fühlte ich: was ich künftig thun würde, sei es arbeiten, dulden, hungern oder betteln das sollte für sie sein!

Fern noch vom Stromufer stemmte sich die dichte Finsterniß der mondverhüllten Regennacht meinem Lauf entgegen.

Gebrochen sank ich am Wegrand zusammen,

raffte mich dann wieder auf und tappte im Dun­kel weiter, pfadlos, nur vom Gurgeln des Baches geleitet, der neben mir dem Strome zueilte.

Mit fieberheißer Stirn und doch zitternd in den durchnäßten Kleidern, erreichte ich nach lan­gem, mühseligem Weg das Gestade. Ein blasser Dämmerschein glitt setzt über die Wellen, die Wol­ken lichteten und der Regen verminderte sich. Ich fand den Kahn noch am Ufer und überschiffte die geschwollene Flut mit Anstrengung meiner letzten, sinkenden Kraft.

Gottlob, sie ruht schon", dachte ich, da kein Lichtschein ans den Fenstern der Hütte leuchtete. Lautlos schlich ich in den schmalen Flur, setzte mich auf die unterste Stufe der Holzstiege und versuchte zu schlummern.

Ich hatte so oft schon erstrebt die Magie des Einschlafens zu ergründen. Nun war mir's, als ob ich deutlich wahrnähme, wie das Vergessen gleich einer Weichen Welle über das Bewußtsein meines Schmerzes hereinbrach, erst einen Theil desselben verwischend, dann von dem Eroberten zurückweichend und in erneuten Angriffen immer mehr und mehr von meinen wehen Gedanken überströmend, bis es den fernsten Winkel meiner Seele unter seiner Fluth begrub.

Da traf, wie ein Stein den reglosen See, ein schriller Angstruf das Nirwana meines Schlafes. Ich öffnete erschrocken die Augen und sah den alten Fährmann halbangekleidet vor mir stehen.

Seid's dem Mädel nicht begegnet?" rief er mir zu.

Herrgott, ist sie fort?" brachte ich heraus.

Ja, sie war fort. Sie hatte keine Rnhe ge­habt, als sie gehört, daß ich gegangen sei und hatte den Schiffer flehentlich gebeten, sie auch über­zusetzen, damit sie mir entgegeneilen könne. Da er ihr's verwehrt, war sie scheinbar ergeben auf der Bank sitzen geblieben, so daß die beiden Alten glaubten, sie sei wieder eingeschlafen und selbst zur Ruhe gingen.

Als wir nun draußen nach ihr suchten und das Fehlen des zweiten Kahnes bemerkten, wußte ich Alles. So war sie, der Sehnsucht nach dem Glücke folgend, also doch davongeschlichen, hatte das Fahrzeug selbst über den Strom zu rudern ver­sucht und war wie ich bald genug erfuhr im Kampfe gegen Wellen, Regen und Finsterniß erlegen.

Wie alle Angst und Sorge in mir schwieg! Wie still mein Herz war, als wir am andern Morgen den armen todten Leib, den der umschla­gende Kahn gegen die Wand eines Wehrs gedrückt hatte, eine halbe Stunde unterhalb der Fährstelle aussanden!