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vr. meä. Hermann Rlencke.
Es War merkwürdig: ich konnte nichts denken. Mein inneres Leben lag so darnieder, daß weder Schmerz noch Groll irgendwelche Gestalt gewannen.
Später durchtoste mich dann der Sturm der Verzweiflung. Aber auch er hatte nichts Befreiendes. -— Das ganze Erlebniß hat meine Jugendzeit bitter vergällt.
Dem Herzen ist der Kinderglaube an eine barmherzige Vorsehung viel zu heilig und theuer, als daß es ihn anders als mit tausend Schmerzen und Bitternissen begraben könnte.
Schließlich, als meine Auffassungen reisten, ge
sundete ich in dem Gedanken, daß es das schönste Erdenloos sei, an der Schwelle eines sicher erwarteten Glückes sterben zu dürfen.
Gleich nach des Mädchens Begräbniß ging ich nach Wien zurück und vergrub mich in meine Studien.
Meine Stiefmutter habe ich nur einmal — am Todtenbette des Vaters — wiedergesehen, der einige Monate nach jenem Vorfall in Folge einer Nervenlähmungstarb. Gleich danach siedelte sie mit dem Kinde in ihre Heimath.
Wie mag der liebe, schwache Mann das todte Mädchen beneidet haben, ehe er ihr folgen durfte!"
Sie AeiPMothcke« mö öie MrmckheitMctMM.
Von
vr. irrsä. Hermann Klrnckr.
^?n jüngster Zeit ist ein Kampf entbrannt gegen die Leihbibliotheken, weil durch diese das Recht des geistigen Eigenthums der Autoren wesentlich geschädigt würde. Man behandelt leider immer noch in Deutschland seine Schriftsteller als „reine Geister", deren irdischer Theil nicht in Betracht kommt, man nennt sie Freunde und geistige Führer, aber leiht sich von ihnen ihre Werke, die doch geschrieben sind in der Erwartung, daß auch ein kleiner materieller Lohn die Geistesarbeit und das Herzblut, mit dem sie geschaffen sind, entgelte, ja vornehme Damen, die sonst jede Berührung mit Unsauberem und Gewöhnlichem ängstlich vermeiden und den großen Haufen naserümpfend abwehren und von sich ferne zu halten suchen, solche vornehme Damen, die bei Tabakgernch in Ohnmacht zu fallen drohen, diese leihen sich ihre Lektüre aus Leihbibliotheken. In England und anderen Ländern gilt eine Bibliothek für eine Familie von guten Verhältnissen für ebenso nothwendig als ein Pia- nino oder einige gute Bilder. In Deutschland denkt man zuletzt und nur in den allerreichsten Häusern an eine Bibliothek, entzieht sich so dem Beitrage zum Nationaldank, den eine Nation ihren Schriftstellern schuldet, indem sie ihre Werke kauft, andererseits aber setzt man sich auch einer schweren Gefahr aus. In Dresden erkrankte vor Kurzem eine jungverheirathete, blühende Dame plötzlich am Scharlach und starb daran, obgleich sie als Kind das Scharlachfieber schon durchgemacht hatte. Ermittelungen ergaben, daß die Dame ein Buch aus einer Leihbibliothek benutzte, das vorher in
einer Familie gewesen war, deren Kinder am Scharlachfieber erkrankt waren. Da nun auch sonst Fälle bekannt sind, daß durch Briefe ans weiter Ferne nach Wochen noch Ansteckungen mit Scharlachgift vorgekommen sind, so ist wohl auch in diesem sehr bedenklichen Falle die Ansteckung ans das Leih- bibliothekbnch zu schieben. Man ist aus die Ansteckung durch Briefschaften schon lange aufmerksam geworden und desinsicirt schon lange bei Epidemien Briefe, die aus solchen Seuchenherden kommen, indem man sie vielfach durchsticht und so durchräuchert. Daß aber in den Leihbibliotheken ein viel furchtbarerer Herd von allerlei Anstecknngsstoffen existirt, daran hat das Publikum bis jetzt wenig gedacht. Wie oft mag aber hier schon Ansteckung vorgekommen sein, ohne daß man den Ursprung entdeckt, ohne daß man überhaupt an ein solch scheinbar ungefährliches Buch gedacht hätte. Da nun gerade die jüngste Zeit in bacteriologischen Forschungen so Außerordentliches geleistet hat, den Tuberkelbaeillus entdeckt und die Choleraspirillen, andererseits man von schriftstellerischer Seite angefangen hat, gegen das Leihbibliothekenunwesen Front zu machen, so ist wohl eine Besprechung des oben angeführten Falles im öffentlichen Interesse geboten.
Was sind nun die Bacterien oder Bacillen? Sie bilden das Reich des unendlich Kleinen, ebenso wie der Sternenhimmel unsrem Auge als das Reich des unendlich Großen erscheint, und sind uns erst durch das Mikroskop bekannt geworden, so, wie die Milchstraße durch das Fernrohr in unzählige Sterne,