Heft 
(1.1.2019) 06
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Die Leihbibliotheken und die Krankheitsbacterien.

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unsrem bloßen Auge unzugänglich, aufgelöst wird. Es sind einzelne Zellen, jene Urform, aus der sich das gestimmte Pflanzen- und Thierreich aufbaut, einzelne Zellen, die man weder in das Pflanzen- noch Thierreich einordnen kann, welche die untere breite Grenz- und Uebergangszone zwischen Pflanzen und Thieren bilden. Man rechnet sie theils zu den Pilzen, insofern sie Zellpflanzen sind, welche kein Chlorophyll haben (das Pflanzengrün) und keine Kohlensäure assimiliren, zerlegen in Kohlen­stoff und Sauerstoff, andrerseits aber unterscheiden sie sich von denselben, weil sie keinMycclium haben und keine Sporen bilden. Sie pflanzen sich säinmt- lich fort ungeschlechtlich durch Knospung oder Quer- theilung. Eine große Anzahl von ihnen und gerade die, welche die Träger der Ansteckung sind, die stäbchenförmigen Bacterien, haben spontane Be­wegung, können ihren Ort frei verändern, sodaß sie mit dem einem Ende zitternd oder in Bogen­linien umherschwimmend, abwechselnd nach vor- und rückwärts sich bewegen, sich beständig um ihre Axe drehen oder mit plötzlichem Sprunge raketenartig dahinschießen, re. Ihre Länge beträgt nur ein Tau­sendstel eines Millimeters, d. h.: Fünfhundert Mil­lionen haben in einem einzigen Wassertropfen Platz. Ihre Vermehrung durch Theilung, sodaß sich jede eben abgetheilte Zelle alsbald wieder theilt und so fort, geht ins Unendliche, sodaß man z. B. be­rechnet hat, daß ein solches Wesen, ein Jnfusions- thierchen, wie man alle diese Gebilde nannte von ihrem Vorkommen in Aufgüssen organischer Sub­stanzen, ein solches Wesen (Vorticelle) binnen vier Tagen vierzig Billionen Nachkommen liefert. Die gewöhnliche atmosphärische Luft sowie alles Wasser, selbst das Schneewasser des reinsten Eises enthalten die Keime dieser Gebilde, während die Gewebe und Flüssigkeiten des normalen mensch­lichen Körpers als frei von ihnen angesehen wer­den. Man fand sie 2000 Fuß tief im Meere, 1106 Fuß tief in den Freiberger Gruben und 9000 Fuß hoch auf den Gebirgen Mexicos. Der rothe Schnee der Alpen, das Leuchten des Meeres wird von unzählbaren solchen Wesen hervorgebracht. Wir können uns also vor der Berührung mit diesen Wesen absolut nicht gänzlich schützen und brauchen es im Ganzen nicht, weil unser lebens­kräftiger Körper diese Gebilde, die durch Wasser und Luft in ihn eindringen, zerstört. Diese über­all zerstreuten Keime aber entwickeln sich nun mit unsagbarer Schnelligkeit zu jener in schwin­delnd großen Zahlen sich verlierenden Anzahl in wenig Tagen überall da, wo organische Stoffe sich zersetzen, wo Verwesung, Fänlniß oder Gährung eintritt. Wir wissen ja, daß die Bierhefe, die Weinhefe, Essighese aus Organismen besteht, welche eine Reihe von großen runden oder ovalen Zellen

darstellen. Ebenso findet man in der sauren Milch, bei der sauren Gährung des in der Milch enthal­tenen Milchzuckers solche Zellenketten. Man nennt diese Fermente Gährnngspilze, weil sie die Zersetzung organischer Stoffe an der Luft bewirken, indem sie Sauerstoff aus der Luft anfnehmen und mit dem Kohlenstoff des betreffenden organischen Körpers zu Kohlensäure verarbeiten, die bei allen Gährungen frei wird.

Mit mehr Sauerstoff arbeiten dagegen und zer­stören rascher die organische Substanz die Verwe- snngspilze und zwar durch Oxydation in Wasser, Kohlensäure und Ammoniak. Sie treten uns als Schimmel oder Moder auf fast allen in Zersetzung begriffenen organischen Substanzen, Brot, Käse, Obst, Holz re. entgegen. Diese Pilze, die immer in größeren Colonien Zusammenleben, bilden die oft mehrere Fuß großen sammetweichen, festver­filzten, schwarzen, grün schillernden Ueberzüge an Fässern und Kisten in feuchten Kellern, sie über­ziehen mit strahligen grünen Flecken die innere Fläche der Fensterscheiben bei einsamen Junggesellen und Sonderlingen, sie entsprießen als Brunnenzops faulenden Brnnnenröhren, ja sie setzen sich auch in den Luftwegen der Vögel fest und können sogar die Luftröhre unwegsam machen durch ihre Wuche­rungen.

Wo Feuchtigkeit und Wärme ist, da sind auch diese wuchernden Parasiten, und auch in die Mund­höhle unsrer Säuglinge, geschwächter Kranken und gebrechlicher Greise wandern sie und sind uns als Soor, Schwämmchen bekannt. Und auch wir Er­wachsene, Gesunde, Rüstige müssen es uns gefallen lassen, daß sie an dem Orte, den wir beständig durch Speisen verunreinigen, unsrem Munde und auf der Zunge wuchern und unsre Zähne mit dem Zahnschmant oder Weinstein überziehen. Während nun aber diese Pilze immer in Colonien zusammen­stehen und also ohne Mikroskop sich bemerklich ma­chen, während ihre einzelnen Zellen 4 bis 8 Mikro­millimeter groß sind, sind die Bacterien, die Kugel- und Stäbchenbacterien nur 1 Mikromillimeter groß und bilden, was wenigstens die Stäbchenbacterien anlangt, die wesentlichen Träger des Krankheits­stoffes, die Fäulnißerreger, leben einzeln und sind frei beweglich.

Und um sie als die unsichtbaren Verbreiter mörderischer Krankheiten handelt es sich ja wesent­lich hier, sie sind im modernen Sinne die Hexen, welche die Viehställe heimsuchen, die Nixen, welche die Brunnen vergiften, sie sind der weithintreffende tödtliche Pfeil des Apollo, sie sind allgegenwärtig und allmächtig im unendlich Kleinen. Das sind die Bacterien oder Mikrokokken, Kugelbacterien und Stäbchenbacterien, eine Welt unendlich vieler For­men für sich, die uns das Mikroskop erschließt, so,