Heft 
(1.1.2019) 06
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vr. meä. Hermann Alencke.

wie uns das Fernrohr die Milchstraße auflöst in un­endlich viele gewaltige Himmelskörper. Die Kugel- bacterien vereinigen sich meist zu Familien, Calv­inen, Haufen, oder zu Schleimmassen und sind be­wegungslos. Die Luft enthält stets Keime solcher Bacterien. Besonders interessant von ihnen sind die Pigmentbacterien, die in gefärbten Gallertmassen anftreten und ihre Träger so roth, gelb, orange, grün, blau färben. Sie find die Ursache der schein­baren Blutflecken, welche auf Brot und Kartoffeln entstehen und einst als Blutflecke auf Hostien als Wunder, als directe Fingerzeige Gottes und Werk­zeuge und Befehle einer himmlischen Macht gedeutet wurden und das Volk in Schrecken setzten.

Diese kleinen unsichtbaren Organismen entwickeln und vermehren sich in außerordentlicher Weise in einer sogenannten Nährflüssigkeit, welche frei von Eiweißverbindungen und Zucker ist, neben gewissen Mineralstoffen (Phosphorsäure, Kali, Schwefelsäure, Kalk und Magnesia) nur Ammoniak und Weinsäure enthält; also eine Stickstoff-(Ammoniak) und Kohlen­stoffquelle (Weinsäure). Um nun festzustellen, ob die verschiedenen Prozesse auch durch charakteristisch ver­schiedene Fermentorganismen hervorgebracht werden, oder ob die Form und Gestalt nur von äußern Bedingungen abhängt, ob Generationswechsel statt­finden re., und um möglichst alle Entwicklungs­zustände einer Species kennen zu lernen, bedient man sich der Culturversuche. Man sät eine reine Form von solchen Organismen auf ein geeignetes Medium und verfolgt nun die ganze Entwicklungs­geschichte, wobei man natürlich den Zutritt fremd­artiger Pilzkeime aus der Atmosphäre zu verhüten suchen muß.

Gährung, Verwesung, Fäulniß arbeiten an der Zerstörung des organischen Lebens und zerlegen die complicirteste chemische Kohlenstoffverbindung und den Träger des thierischen Lebens, das Eiweißatom in Kohlensäure, Wasser und Ammoniak, in letzter Instanz. Wenn man auch nicht immer zu beweisen vermag, daß die durch diese kleinen Organismen erzeugten Produkte (also aus Zucker, Alkohol und Kohlensäure, ans dem Eiweiß, Leucin, Tyrosin, Schwe­felwasserstoff re.) directe Stoffwechselerzeugnisse der Fermentorganismen sind, so steht doch soviel fest, daß Gährung wie Verwesung und Fäulniß nicht erfolgt, wenn der Zutritt dieser kleinen Organismen gehindert wird. Während die Träger der Gährung und Verwesung (Gährungszellen und Schimmel­pilze), jener nützlichen Naturprozesse, welche die Erde von todtem organischen Capital befreien und es verflüchtigt und gasförmig wieder in den großen Stoffwechsel der Natur zurückgeben Zellen sind ohne freie Beweglichkeit und meist verbunden zu Zellcolonien, sind die Träger der Fäulniß und zu­gleich der ansteckenden Krankheiten frei beweglich,

isolirte Stäbchen. Schon lange war man durch die unsagbare Vermehrung dieser niedern Organismen an die eminente Fortpflanzungsfähigkeit contagiöser Gifte und Ansteckungen erinnert worden, ohne aber darüber sicher zu sein, ob den verschiedenen conta- giösen Giften, den verschiedenen Ansteckungen, also Typhus, Cholera, Pocken, Ruhr re. verschiedene ganz bestimmte, charakteristische, für jede Ansteckung an­dere Organismen entsprächen, oder ob nicht viel­mehr die auch sonst in der Luft verbreiteten Keime die zufälligen Träger der contagiösen Gifte seien.

In jüngster Zeit nun ist es Koch gelungen, den Bacillus der furchtbarsten, nie auslöschenden, alle Himmelsstriche verheerenden Seuche des Menschen­geschlechts, der Tuberkulose und den Cholerapilz als charakteristische Formen festzustellen. Diese Entdeckungen bedürfen allerdings noch weiterer Be­stätigung, indessen ein großer Schritt zur Lösung dieser brennenden Frage ist doch mit den Bacterien- culturen Kochs gethan. Es war also wesentlich zn beweisen: 1) Kann man durch Einverleibung eines gewissen niederen Organismus bei Thieren immer denselben Krankheitsproceß Hervorrufen und 2) er­weist sich dieser niedere Organismus bei seiner Züchtung auf Culturen als specifische, charakte­ristische, immer wieder erkennbare Form, und Koch bejaht beides. Es wäre demnach eine Aussicht er­öffnet in ein ganz neues Capitel der Medicin, daß nämlich jede ansteckende Krankheit einen ihr ganz specifischen charakteristischen Pilz zur Ursache und zum Verbreiter hätte.

Bei den Hautkrankheiten, welche durch Schim­melpilze hervorgerusen werden, ist ja der Nachweis des Ursprungs der Krankheit viel leichter. Wir können sehen, wie bei Dreschern und Soldaten in Feldlagern Pilzsporen aus dem modernden Stroh in die menschliche Oberhaut eindringen und masern­ähnliche Flecke Hervorrufen, wir können direct Nach­weisen, wie durch Ansteckung von Hunden, Pfer­den, Rindern, Katzen eine Flechte auf der Kopf­haut des Menschen sich etablirt, welche die Haare brüchig macht und zum Ausfallen bringt. Wir wissen genau, daß eine Haut- und Haarkrankheit am Kinne Bärtiger (Mentagra) durch eine Pilz­form hervorgerufen wird, daß das Schusterekzem an der innern Schenkelfläche ebenso einen Pilz zur Ursache hat. Wir kennen den Pilz, der die großen gelblich-braunen Flecken am Halse und Rücken na­mentlich oft bei Schwindsüchtigen Hervorrust und heftiges Jucken u. s. f. Hier können wir auch direct durch Jmpsversuche an Menschen die Bestätigung unserer Erklärung erhalten. Hier ist also, zunächst von Schönlein schon 1839 und zwar für den Honigwabengrind (Favus) der exacte Nachweis ge­liefert, daß mikroskopische Pilze Haarkrankheiten Hervorrufen. Anders mit den innern Krankheiten.