Heft 
(1.1.2019) 06
Seite
265
Einzelbild herunterladen

Die Leihbibliotheken und die Rrankheitsbacterien.

265

Hier verbietet sich zunächst das Experiment am Menschen und es muß dasür das Thierexperimeut zur Controle eintreten, weiter ist bei den viel compli- cirteren inneren Krankheitsprocessen der Nachweis, daß gerade der und der Complex von Krankheits­erscheinungen durch diese bestimmte Sorte von Bac- terien hervorgebracht werde, viel schwieriger und oft irreführend, endlich sind die einzeln lebenden Stäbchenbaeterien viel schwerer zu finden und von einer Reihe andrer, die wir durch Luft und Wasser immer in uns eindringen lassen und die ungefährlich sind und auch bei Gesunden Vorkommen, schwer, manch­mal gar nicht zu unterscheiden. Hier ist eine so schwere Geduldsprobe für den Forscher gegeben, so große Vorsicht geboten, daß man wohl sich den Beifall erklären kann, den Kochs schöne Methode sich errungen hat, aber auch die heftigen Diskus­sionen, die heute noch über den Cholerapilz geführt werden. Es fragt sich, kommen die Keime mit dem Trinkwasser in den Darm oder sind sie in der Luft suspendirt und werden eingeathmet: In Betreff der Cholera werden jetzt noch beide Meinungen von verschiedenen Forschern behauptet, von Koch das erstere, von Münchner Forschern das andere. In das Blut gelangen die Bacterien dann eingeschlossen in weiße Blutkörperchen und finden dann hier alle Bedingungen zu ihrer enormen Vermehrung, durch welche die Organe des betreffenden Individuums zerstört werden. Wie man nun ganz exact durch Experimente feststellen kann, daß organische Sub­stanzen, die sich selbst überlassen, leicht in Zer­setzung übergehen unter gleichzeitigem Auftreten von Bacterien, daß dieselbe von Pilzbildnng freibleiben, wenn sie einer Temperatur ausgesetzt werden, welche die etwa in ihnen vorhandenen Pilzsporen tödtet oder wenn ihnen nur solche Luft zugeführt wird, aus welcher die organischen Keime entfernt worden (Filtration durch desinfieirte Banmwvllenpfröpfe rc.), so ist durch die Praxis erwiesen, daß seit Einfüh­rung des aseptischen Verbandes, welcher die Luft streng von den Wunden abhält, nachdem vorher etwa vorhandene Bacterien durch Carbolsäurespü- lung zerstört sind, daß seit diesem aseptischen Ver­bände die Wundkrankhciten wie Rothlauf, Hospi­talbrand, bei denen man Bacterien im Blute fand, nicht mehr austreten und daß die Wunden ohne Eitrung heilen also ein ganz sichrer Beweis, daß Bacterien Träger der Ansteckung sind, hier allerdings durch Vermittlung der Haut, nicht der Lunge und des Darmes. Welch' enormen Fort­schritt der Chirurgie diese Entdeckung bedeutet, ist ja männiglich bekannt. Früher starb jeder zweite Mann, der amputirt wurde, heute schneidet man fast ohne Gefahr den Leib auf, um Geschwülste zu entfernen rc. Heute hängt der glückliche Ausgang einer Operation fast nur noch von der Methode II. 2.

und Technik des Operateurs ab, der operative Ein­griff an und für sich ist ungefährlich, weil man durch den antiseptischen Verband die durch niedre Orga­nismen, welche in der Luft suspendirt sind, her­vorgebrachten schlimmen Wundkrankheiten wie schwere Eitrung, Rothlauf, Hospitalbrand, Zersetzung des Blutes durch faulige Stoffe, ich sage alle diese schlimmen Folgekrankheiten von Operationen besei­tigen und verhüten, beherrschen kann. Diese Er­findung. welche also ein directes Ergebniß der Bac- terienforschung ist, diese Erfindung des antiseptischen Verbandes gehört gerade wie die Erfindung des Compasses, der Dampfmaschine zu den Heldenthaten des menschlichen Geistes.

Eben so sicher ist bei Milzbrand und Milz- brandcarbunkeln constatirt, daß durch Bacterien die Ansteckung stattfindet. Znr Ueberimpfung der Krank­heit reicht schon der kleinste Blutstropfen hin. In wenig Stunden findet man enorme Massen der Bac­terien im Blute, die wahrscheinlich dadurch tödtlich wirken, daß sie den rothen Blutkörperchen den Sauerstoff entziehen und so Kohlensäureüberladung im Blute Hervorbringen, Athemnoth, Krämpfe, Sinken der Temperatur, endlich Erstickung.

Besonders bemerkenswert!) für unsere Betrach­tungen ist nun, daß bei dem Milzbrand, der immer durch Berührung mit milzbrandkranken Thieren oder Theilen solcher entsteht, die Häute dieser Thiere im getrockneten Zustande Monate lang die An- stecknngsfähigkeit behalten. In Leipzig, wo ein be­deutender Handel mit Fellen ist, kann man öfter solche Fälle beobachten. Diese Dauerbarkeit des Anstecknngsstosfes, welche der Fähigkeit dieser Keime entspricht, nach langer Zeit unter günstigen Umstän­den sich zu entwickeln, ist ja auch constatirt bei der Lymphe der Kuhpocke. Diese kann man eingetrock­net ein Jahr und länger ausheben, sie steckt noch an, wenn man sie einimpft. Bei dem exanthema- tischen Typhus (Hungertyphus) hat man beobachtet, daß in Zimmern, worin Typhöse gelegen haben und welche dann bis 7 Monate leer gestanden hatten, die Nächsten, welche darin wohnten, von derselben Krankheit befallen wurden. Aehnliches hat man bei der Cholera beobachtet, wenn die Desertionen schon lange in der Wäsche vertrocknet waren.

Panum weiß zu berichten, daß das Masern- und Scharlachcontagium in Kleidern weiter geschleppt wurden von Leuten, die selbst nicht angesteckt wur­den, einmal selbst nach 4 Meilen weiter Reise in offenem Boote bei stürmischem und regnerischem Wetter.

Wie ein Tropfen Rosenöl noch Jahre lang in einem Zimmer bemerkbar ist, so können wenige dieser Keime von Bacterien nach langer Zeit und weit von ihrem Ursprungsorte entfernt sich ent­wickeln und Krankheit erzeugen.

34