Heft 
(1.1.2019) 06
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vr. me6. Hermann Rlencke.

Man kann wohl nun leicht einsehen, daß die gradezu grundlegende Bedeutung, welche die Bac- terienlehre für die Chirurgie gehabt hat, auf dem Gebiete der inneren Krankheiten in dem Maße sich kaum Herausstellen wird, was die Praxis anbe­trifft. Deswegen nicht, weil man dort die Ein­gangspforten der Batterien, Wunde Hautflächen, luftdicht abschließcn kann, nachdem man die Bat­terien getödtet hat, bei den inneren Krankheiten aber, wo die Aufnahme der Batterien stattfindet durch Athmung, oder im Trinkwasser, ein solcher Abschluß und Schutz unmöglich ist, einmal, von Tödtung aber der Batterien, die in's Blut gelangt find, nur selten etwas zu erwarten ist, weil bei der enormen Vermehrung dieser Keime man Mengen Arznei geben müßte, die der Organismus nicht ver­trägt. Es bleibt also, abgesehen von der Freude der Erweiterung unserer Erkenntniß, für die Praxis und Heilung der Krankheiten sorgfältige Zerstörung der Keime in ihren Brutstätten iibrig und Sorge dafür, daß sie nicht aus ihren Ursprungsstätten verschleppt werden. Deswegen hat man ja schon lange bei den contagiösen Krankheiten, die also von Mensch zu Mensch getragen werden, im Gegensatz zu den miasmatischen, wo die Krankheitsursache im Boden erzeugt und durch die Lust oder das Wasser verbreitet wird, die strenge Abschließung eingeführt. Solche rein contagiöse Krankheiten sind Pocken, Scharlach, Maseru, Rothlaus, wahrscheinlich auch Kindbettfieber, Typhus.

Bei Scharlach ist nun die Ansteckung um so gefährlicher, als Scharlach mit der Kinderpest, der Diphteritis in einem gewissen Zusammenhang steht und Wechselwirkung.

Es ist ja bekannt, daß Diphtheritis mit Schar­lach vielfach zusammen vorkommt, aber ebenso kann die Ansteckung mit Scharlachgift bei einem anderen Individuum nur Diphtheritis ohne Ausschlag Hervor­rufen, ebenso auch Diphtheritis ohne Ausschlag, bei einem Andern Ausschlag ohne Diphtheritis. Wenn man nun Kinder, die von dieser Krankheit befallen werden, sorgfältig aus der Schule ausschließt und sonst alle Vorsichtsmaßregeln trifft und strengen Ab- sperrungscordon zieht, so bilden Leihbibliotheks­bücher und Lesejournale in diesem Cordon geradezu diePascher". Sie Paschen das Gift durch die Grenzabsperrung durch und vernichten deren wohl­tätige Wirkung zum großen Theile. Man hat ja nun eingeworfen, mehr als öffentlich circulirende Bücher müsse man für diesesGiftpaschen" das Geld, das allgemeinste Circulationsmittel verantwort­lich machen. Darauf ist aber zu antworten: Papier­geld vielleicht, aber Metall nicht, weil die Batterien nur durch organische Stoffe sich verbreiten, nicht aber durch Metall. Höchstens könnten in dem or­ganischen Schmutze, der unser Geld meistens ziert,

solche Keime enthalten sein, würden ja dann aber leicht durch Waschen zu entfernen sein. Bücher aber kann man nicht waschen und Durchräuchrnng ist ein wenig zuverlässiges Mittel. 1864 entstand in Merseburg eine Pockenepidemie in einer Papier­fabrik, als in derselben anderwärts aufgekaufte mit Pockengift insicirte Lumpen zur Verarbeitung kamen. Mag nun das Ansteckende ein Pilz oder Bacillus sein, oder bloß der Dunst, der von solchen Gegen­ständen ausgeht, also so eine Art Jäger'scher Seele, bewiesen ist jedenfalls die Ansteckung durch Gegen­stände aus organischen Stoffen. Bei unserem Falle aber ist noch zu bedenken, daß man gerade mit Büchern in die intimste Berührung kommt (ich meine hier nicht geistig, was ja seltener ist) indem man, über sie gebeugt, die Luft, die durch sie durch­streifte, einathmet und so jene Keime mit.

Es war hier nicht mein Zweck, die Leihbiblio­theken anzuklagen, und zur Abschaffung eines der wichtigsten Volksbildungsmittel aufzufordern, aber Wohl das Publikum zur Vorsicht zu mahnen, even­tuell zu bewirken, daß in den Leihbibliotheken selbst gewisse Schntzmaßregeln getroffen werden zur Ver­hütung von Ansteckung. In den Familien aber, wo ansteckende Krankheiten ansbrechen, lasse man ge­liehene Bücher nicht in den Krankenzimmern das ist eine Rücksichtslosigkeit gegen seine Mitmen­schen. Wahre Abstellung der Mißstände aber er­zielt man nur durch Belehrung des Publikums, kaum ganz durch polizeiliche Maßregeln, und auch nicht allein durch Belehrung, sondern durch Er­ziehung zur Vernunft aus dem rohen Egoismus heraus, der mit Feinheit der Lebensmanieren wohl zusammen bestehen kann und oft besteht. Im

klebrigen aber würde ich es auch als einen Nutzen meiner Auseinandersetzungen ansehen, wenn die öffentliche Meinung sich mehr dahinwandte, daß Leute, die nicht gerade mit socialer Noth ringen, auch die Pflicht haben, einen kleinen Theil ihres Einkommens für ihre geistigen Genüsse und deren Urheber auszugeben, statt nur immer gute Kehl­köpfe, gute Kleiderhändler und gute Gastwirthe reichlich zu belohnen.

I>.dcZ Mitglied der menschlichen Gesellschaft geht nur seinem Erwerbe in seinem betreffenden Berufe nach und nimmt höchstens noch eine Ehrenstellc als Schöffe oder Stadtverordneter an, der wahre Schrift­steller allein giebt sein Herzblut für die Menschheit, verzichtet auf äußere Ehren, oft auf die süßen Bande der Ehe, nur um der Wahrheit zu dienen, neue Ideen mit unaufhörlicher Mühe und Eifer in die Köpfe der Menschen hiaeinzuarbeiten und die Cul- turentwicklung zu fördern. Wenn Alle nur der Behaglichkeit leben und sich das Leben so ange­nehm wie möglich machen, ist das Leben der Dich­ter und Denker ein beständiges Selbstopfer. Wenn