266
vr. me6. Hermann Rlencke.
Man kann wohl nun leicht einsehen, daß die gradezu grundlegende Bedeutung, welche die Bac- terienlehre für die Chirurgie gehabt hat, auf dem Gebiete der inneren Krankheiten in dem Maße sich kaum Herausstellen wird, was die Praxis anbetrifft. Deswegen nicht, weil man dort die Eingangspforten der Batterien, Wunde Hautflächen, luftdicht abschließcn kann, nachdem man die Batterien getödtet hat, bei den inneren Krankheiten aber, wo die Aufnahme der Batterien stattfindet durch Athmung, oder im Trinkwasser, ein solcher Abschluß und Schutz unmöglich ist, einmal, von Tödtung aber der Batterien, die in's Blut gelangt find, nur selten etwas zu erwarten ist, weil bei der enormen Vermehrung dieser Keime man Mengen Arznei geben müßte, die der Organismus nicht verträgt. Es bleibt also, abgesehen von der Freude der Erweiterung unserer Erkenntniß, für die Praxis und Heilung der Krankheiten sorgfältige Zerstörung der Keime in ihren Brutstätten iibrig und Sorge dafür, daß sie nicht aus ihren Ursprungsstätten verschleppt werden. Deswegen hat man ja schon lange bei den contagiösen Krankheiten, die also von Mensch zu Mensch getragen werden, im Gegensatz zu den miasmatischen, wo die Krankheitsursache im Boden erzeugt und durch die Lust oder das Wasser verbreitet wird, die strenge Abschließung eingeführt. Solche rein contagiöse Krankheiten sind Pocken, Scharlach, Maseru, Rothlaus, wahrscheinlich auch Kindbettfieber, Typhus.
Bei Scharlach ist nun die Ansteckung um so gefährlicher, als Scharlach mit der Kinderpest, der Diphteritis in einem gewissen Zusammenhang steht und Wechselwirkung.
Es ist ja bekannt, daß Diphtheritis mit Scharlach vielfach zusammen vorkommt, aber ebenso kann die Ansteckung mit Scharlachgift bei einem anderen Individuum nur Diphtheritis ohne Ausschlag Hervorrufen, ebenso auch Diphtheritis ohne Ausschlag, bei einem Andern Ausschlag ohne Diphtheritis. Wenn man nun Kinder, die von dieser Krankheit befallen werden, sorgfältig aus der Schule ausschließt und sonst alle Vorsichtsmaßregeln trifft und strengen Ab- sperrungscordon zieht, so bilden Leihbibliotheksbücher und Lesejournale in diesem Cordon geradezu die „Pascher". Sie Paschen das Gift durch die Grenzabsperrung durch und vernichten deren wohltätige Wirkung zum großen Theile. Man hat ja nun eingeworfen, mehr als öffentlich circulirende Bücher müsse man für dieses „Giftpaschen" das Geld, das allgemeinste Circulationsmittel verantwortlich machen. Darauf ist aber zu antworten: Papiergeld vielleicht, aber Metall nicht, weil die Batterien nur durch organische Stoffe sich verbreiten, nicht aber durch Metall. Höchstens könnten in dem organischen Schmutze, der unser Geld meistens ziert,
solche Keime enthalten sein, würden ja dann aber leicht durch Waschen zu entfernen sein. Bücher aber kann man nicht waschen und Durchräuchrnng ist ein wenig zuverlässiges Mittel. 1864 entstand in Merseburg eine Pockenepidemie in einer Papierfabrik, als in derselben anderwärts aufgekaufte mit Pockengift insicirte Lumpen zur Verarbeitung kamen. Mag nun das Ansteckende ein Pilz oder Bacillus sein, oder bloß der Dunst, der von solchen Gegenständen ausgeht, also so eine Art Jäger'scher Seele, bewiesen ist jedenfalls die Ansteckung durch Gegenstände aus organischen Stoffen. Bei unserem Falle aber ist noch zu bedenken, daß man gerade mit Büchern in die intimste Berührung kommt (ich meine hier nicht geistig, was ja seltener ist) indem man, über sie gebeugt, die Luft, die durch sie durchstreifte, einathmet und so jene Keime mit.
Es war hier nicht mein Zweck, die Leihbibliotheken anzuklagen, und zur Abschaffung eines der wichtigsten Volksbildungsmittel aufzufordern, aber Wohl das Publikum zur Vorsicht zu mahnen, eventuell zu bewirken, daß in den Leihbibliotheken selbst gewisse Schntzmaßregeln getroffen werden zur Verhütung von Ansteckung. In den Familien aber, wo ansteckende Krankheiten ansbrechen, lasse man geliehene Bücher nicht in den Krankenzimmern — das ist eine Rücksichtslosigkeit gegen seine Mitmenschen. Wahre Abstellung der Mißstände aber erzielt man nur durch Belehrung des Publikums, kaum ganz durch polizeiliche Maßregeln, und auch nicht allein durch Belehrung, sondern durch Erziehung zur Vernunft aus dem rohen Egoismus heraus, der mit Feinheit der Lebensmanieren wohl zusammen bestehen kann und oft besteht. Im
klebrigen aber würde ich es auch als einen Nutzen meiner Auseinandersetzungen ansehen, wenn die öffentliche Meinung sich mehr dahinwandte, daß Leute, die nicht gerade mit socialer Noth ringen, auch die Pflicht haben, einen kleinen Theil ihres Einkommens für ihre geistigen Genüsse und deren Urheber auszugeben, statt nur immer gute Kehlköpfe, gute Kleiderhändler und gute Gastwirthe reichlich zu belohnen.
I>.dcZ Mitglied der menschlichen Gesellschaft geht nur seinem Erwerbe in seinem betreffenden Berufe nach und nimmt höchstens noch eine Ehrenstellc als Schöffe oder Stadtverordneter an, der wahre Schriftsteller allein giebt sein Herzblut für die Menschheit, verzichtet auf äußere Ehren, oft auf die süßen Bande der Ehe, nur um der Wahrheit zu dienen, neue Ideen mit unaufhörlicher Mühe und Eifer in die Köpfe der Menschen hiaeinzuarbeiten und die Cul- turentwicklung zu fördern. Wenn Alle nur der Behaglichkeit leben und sich das Leben so angenehm wie möglich machen, ist das Leben der Dichter und Denker ein beständiges Selbstopfer. Wenn