Heft 
(1.1.2019) 06
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Die Leihbibliotheken und die Krankheitsbacterien.

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Specialisten und Schüler großer Männer schnell in hohe Stellungen kommen, muß der Denker und Schriftsteller oft von seiner Zeit unverstanden und mit Hohn abgewiesen einsam einen Märtyrerpfad wallen und arm und gebrochen sterben. Denn die schönste Gabe der Lebensklugheit ist solchen Men­schen, deren Sinn nach dem Ideal der Menschheit strebt, leider meist gänzlich versagt. Irdische Güter gewinnt man aber nur durch Klugheit. Das ist der wahre tiefe Sinn von Christi Lehre: Kampf um die wahre Vergeistigung und innerliche Befreiung der Menschheit. Wie hat diesen Kern die Roh­heit und Beschränktheit entstellt und mißbraucht! Ihr bezahlt gerne Eure Nahrungsmittel, Eure Klei­der und Euren Luxus, wollt Ihr Eure Ideen, Ge­danken, die Euch neue Erwerbsquellen aufschließen, Poesie, die Euch nach harter Arbeit und Wider­wärtigkeiten aller Art erhebt, wollt Ihr die um­sonst haben und Eure Denker und Dichter zu Mär­tyrern machen? Nein, Ihr gebt ja 5 Pfg. und 10 Pfg. für einen Band in der Leihbibliothek. Man spricht jetzt immer von Altersversorgung der Arbeiter, von Verbesserung des Looses der Ent­erbten wißt Ihr, wer die Enterbten sind, die ihr Elend am Schlimmsten fühlen? die, weil sie sich der Menschheit opferten, allen den Hohn und den Druck des Reichthumes gegen den Besitzlosen spüren müssen? Ich meine hier natürlich nicht die reichen Herren der literarischen Clique, die nichts über das Mittelmäßige hinaus leisten, die nicht Nachts aus dem Bett steigen um neue Ideen auf- znschreiben, denn sie haben keine, die aber sich die fette Hand zum brüderlichen Ringe reichen, die Lite- ratnrgauner und Capitalisten, die mehr Lebensklng- heit als Weisheit haben, ich meine die Leute, die von der Liebe zum Ideal getrieben und mit heißer Liebe zur Menschheit gar nicht anders können, als kämpfen für ihre Ideen, die Vater und Mutter, Freund und Weib verlassen, wenn es gilt, der Menschheit zu dienen, die zur Lüge und Heuchelei gesagt haben: Pack dich und zur Wahrheit: Sei du mir Alles! die wahren Menschen. Was soll aus der Welt werden, wenn es keine solchen Leute mehr giebt, solche tüchtige Naturen, die der feste Trost sind, wenn man an der Menschheit verzwei­feln will? In England hat man für tüchtige geistige Leistungen Belohnungen durch die Fellowship, die ihrem Inhaber ein kleines Einkommen sichert, daß er seinen Idealen, die der Menschheit zu Gute kommen, leben kann; in Frankreich hat man eine Art Prytaneum für greise Künstler und Gelehrte, in Deutschland aber mögen die echten Ritter des Geistes sehen, wo sie bleiben! So und soviele große Vermögen werden jährlich an Städte und Gemeinden vermacht von hochherzigen Privaten, warum nicht auch einmal zu solchem Zwecke? In

Dresden hat ein solcher edler Mann 2 Millionen in ähnlicher Absicht gestiftet, wie ist nun dies Ca­pital angewendet worden? Um Vorträge zu halten, deren es schon genug giebt und eine volkswirth- schaftliche Bibliothek anzulegen. Ganz gut, war aber Nichts Besseres zu erreichen?

Wenn das Ziel der Menschheit ist, sich immer mehr zu vergeistigen und die thierische Natur zu verklären, soll man sich da nicht mit den Werken der Führer zu diesem Ziele umgeben, um sie in allen guten Stunden, wenn uns Versuchung naht, wenn wir des Schicksals Schläge spüren, wenn Verzweiflung uns packt, zu lesen und uns in ihnen zu erheben? Sollte nicht Jeder, namentlich wenn er sich zu den Gebildeten rechnet, sich eine kleine Bibliothek anschaffen, die neben den Klassikern auch die vorzüglichsten modernen Schriftsteller enthält. Wieviel an Gesundheit und Geld würde gespart, wenn man wöchentlich nur zwei Abende sich die Kneipe und das viele schwere Bier versagte und im Familienkreise oder im einsamen Studirzimmer wahre geistige Freuden genösse? Wieviel unnütz thörichte Worte würden weniger gesprochen wer­den, wieviel Klatsch weniger in die Welt gesetzt, wieviel Kränkungen erspart werden! Ist das nicht ein Ziel wahrer, innerer, geistiger Befrei­ung, die Euch keine Polizei verbietet, keine Re­gierung verkümmert. Ich will damit durchaus nicht die Poesie eines fröhlichen Kneipabends ans der Welt geschafft wissen, aber gegen den stumpf­sinnigen Biersumpf, der Leib und Seele erschlafft, gegen den möchte ich diese Worte gesprochen haben. Es gehört ja nur ein kleiner Entschluß, eine ein­malige Anfraffilng dazu, dann wird man sich bald selbst wundern, wie man solange aus fauler Ge­wohnheit jeden Abend am Stammtisch hat zubringen können. Halb zog es ihn halb sank er hin! Hat man aber eine kleine Bibliothek, so wird man sich durch deren Besitz an und für sich schon hie und da einmal zu Hause halten lassen. Wieviel Spieß­bürgerei und Philisterthnm, wieviel von Familien­unglück würde so aus der Welt geschafft, wie ein groß Theil auch der Frauenfrage gelöst! Freilich solange unsere Universitätsgebildeten selbst mit schlechtem Beispiel voraufgehen und die schönsten Blüthen des Geistes aus der Universität in Bier versumpfen, was sollen dann die Ungebildeten thun? Die Stumpfheit, Engherzigkeit, Philisterei im spätern Leben sind aber gerade oft die Folge derVer- biernng" auf der Universität. Die Lehrer der Anatomie und der Anthropologie lehren: Bis zum 24. Jahre entwickelt sich das Gehirn, die Herren Studenten meinen, deswegen müsse man es mit Bier begießen. Alkoholvergiftung in diesen Jahren der Blüthe ist nie wieder gut zu machen. Und wenn das Eure Poesie und Wissen ist, was aus

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