436
C. Zoeller-Lionheart.
schied. Der durchdringende Adlerblick, der schmelzen konnte zum sonnig warmen Lächeln, das ideale Aufglühen, das begeisterungsfähige Strahlen in diesen dunklen Sternen, gab dein nordisch-nüchternen Gesichtsschnitt ein besonderes Etwas, das nicht zu vergessen war. — Wo aber hatte sie ihn gesehen? Damals? — Unmöglich! — — Zittern überlies ihre Gestalt. Angstschweiß näßte ihre Haarwurzeln, zusammenschauernd schlugen hörbar ihre Zähne aufeinander.
„Sie frieren, — der Morgen dämmert kühl herein, — darf ich?"
Professor Lenz wartete keine Antwort ab; er nahm seine Reisedecke und reichte sie hinüber, war mit einem Satz am Fenster und zog mit schnellem Ruck am Ledergurt das klaffende Fenster vollends in die Höhe. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte sinnend in die Morgendämpfe hinaus, deren grauen Dunst die aufgehende Sonne allmählich zu durchglühen begann.
Von den Wiesen, an denen der Zug pfeilschnell vorüberflog, stiegen sie in phantastischen Gebilden empor, sich zusammenballend, aufwachseud zu durchsichtigen Schleiergestalteu, sich umschlingend zum luftigen Elfenreigen, zerreißend, zerflatternd, auseinanderfließend zu einem gegenstandlosen Nichts. Und immer das gleiche Spiel in ewigen Wiederholungen. „Wie unsere Jugendträume, unsere Lebenshoffnungen; daß wir trotzdem nie der Neugestaltung müde werden, bis ins Grab," hatte Professor Lenz, — dessen unbewußt, daß es halblaut geschah, — vor sich hingemurmelt.
Ein stöhnender Seufzer antwortete ihm. Er konnte nur von der blassen Unbekannten kommen, denn Lady Emmily schlief in tiefen Athemzügen den tiefen Schlaf der Kinder und des guten Gewissens.
Betroffen hatte er den Kopf gewandt. Schmale, zarte Hände deckten ein zuckendes Antlitz, unter den schlanken Fingern rollte es in schweren Tropfen bis auf den milchweißen Hals der Unglücklichen.
Ja, einer Unglücklichen. — So herzzerbrechend, lautlos ohne Schluchzen weint nur Jemand, der tief ins innerste Mark getroffen. War sie eine junge Wittwe? Hatte sie irgend ein Theueres begraben? Sie trug ja aber keine Trauerkleider. Muß man Alles erst in den Schooß der Erde betten, um es verloren zu geben, giebt es nicht ein tausendmal schmerzlicheres Verlieren noch, als durch den Tod? Wußte er nicht auch davon ein Lied zu singen, ein alltägliches, abgedroschenes Lied, das nur dem die Thränen in die Augen treibt, der den Refrain mit seinem Herzblut geschrieben! Mit seinem Herzblut? Pah! — Unsinn! Kindereien waren es gewesen, verletzte Eitelkeit, die ein wenig nachblutet. Im Grunde war's gut, wie es kam; — wäre das Finale des kurzen Traums nicht gar so gräßlich ge
wesen, hätte das arme Geschöpf den Sommernachtstraum seines Schmetterlingsdaseins nicht mit dem Tode bezahlen müssen, — er könnte die Stunde segnen. Wie hätte der tanzende Irrwisch in sein arbeitsvolles Leben jetzt gepaßt? -— Vorbei!
Er hatte im schmerzlichen Nachdenken nicht bemerkt, wie sich der Zug allmählich verlangsamt hatte. Jetzt weckte ihn das ruckartige Anhalten. Lady Emmily fuhr schlaftrunken empor und rieb sich die verquollenen Augen. Der Schaffner riß die Coupothür auf, rief irgend einen Ortsnamen hinein und „fünf Minuten Aufenthalt."
„O Lord, Lord," wimmerte Lady Emmily, gähnte und reckte die steif gewordenen Glieder. „Welche Tortur, solche Nachtfahrt! — Ist Steward oder Jenkings nicht da? — Ich sterbe vor Durst; rufen Sie doch Steward, ich will zu trinken, — meinetwegen die gräßliche braune Brühe, der sie mit dem Namen Kaffee schmeicheln. — Um Gottes willen nichts Erfrischendes bei der Kälte, bringen Sie, was Sie wollen, Sir, nur schnell."
„Sie gestatten niir, auch für Sie zu sorgen?" drehte er sich artig noch auf dem Wagentritt um.
„Ich würde Ihnen dankbar sein." — Es war sicher nur freundliches Zugeständnis um ihre frühere Schroffheit gut zu machen.
Als er eben mit dem, mit einem Tablett mit Kaffeetassen beladenen Kellner aus dem Wartesalon treten wollte, flog ihm die stille blasse Fremde in der Thür schon entgegen.
„Sorgen Sie für eine Schüssel mit kaltem Wasser," sprach sie hastig. „Ihre Frau Gemahlin ist von dem schlupfrigen Wagentritt beim Aussteigen ausgeglitten und hat sich, wie es scheint, recht arg den Fuß verrenkt. Ich habe sie zurückgetragen, sie ist aber einer Ohnmacht nahe. Wir werden wohl eine Zeit lang kalte Umschläge machen müssen. Leinentücher führe ich bei mir. Wollen Sie nun gefälligst für das Andere sorgen?"
„Soll ich die Kammerfrau.?"
„Es ist nicht nothwendig, wenn Sie ihrer nicht aus anderen Gründen bedürfen. Die Umschläge will ich gern besorgen, ich bin in Krankenpflege nicht unbewandert."
Die verschlossene Fremde trat im Eifer der Nächstenliebe plötzlich aus ihrer frostigen Reserve heraus. Sie kniete schon vor der Lautstöhnenden am Boden, als Professor Lenz bald darauf mit seiner Waschschüssel in das Coups stieg und tastete mit dem fein zugespitzten Finger vorsichtig an dem verletzten Knöchel herum, von dem sie das Schuhwerk entfernt hatte.
Gleich daraus setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Es war eine gar seltsame Situation, wie die beiden Samariter da Seite an Seite auf dem Fußboden knieend sich fast mit den Köpfeu