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Or. I. Ateinbeck. Alt Heidelberg, Du feine.
Der gesprengte Thurm.
Verbrannte in buchstäblicher Befolgung der Ordre 1689 Schloß und Stadt Heidelberg. Und als die Deutschen noch im selben Jahre Stadt und Schloß wieder vertheidignngssähig machten, folgte am 23. Mai 1693 die zweite, gründlichere Einäscherung der Stadt. Dabei gingen auch alle Universitätsgebäude in Flammen ans. Die meisten Professoren flohen und setzten ihre Vorlesungen in Frankfurt zum Theil fort, zum Theil stellten sie ihre Thätig- keit ganz ein. Erst 1700 fand sich die Universität wieder in Heidelberg zusammen. Aber welch' kümmerliches Dasein fristete sie das ganze 18 . Jahrhundert hindurch! Durch und durch klerikal-hierarchisch orgauisirt und alle protestantischen Lehrer verdrängend, dagegen die Jesuiten massenhaft an- stelleud, scheint die ehemalige Hochburg deutschen Geistes und deutscher Wissenschaft von der ganzeil großen Bewegung im nationalen Geistesleben des vorigen Jahrhunderts keine Notiz genommen zu haben. Ja im Jahre 1780, also zu einer Zeit, wo Lessiugs Meisterwerke längst geschrieben und Goethe vier Jahre bereits in Weimar weilte, in demselben Jahre, wo Schiller seine „Räuber" voll
endete, erklärten zwei zu Eensoren bestellte Heidelberger Professoren in Bezug auf die gleichzeitige deutsche Literatur: „sie Hütten keine Zeit, sich mit den schlechten, elenden, lüderlicheu Büchern zu befassen, in denen mau fruchtlos einige Moral suche, aber verruchte Freigeisterei desto mehr finde." Um eine solche Universität war es kaum schade, daß die Franzosen ihr 1802 durch Wegnahine fast aller Einkünfte das Lebenslicht ausblieseu.
Mit dem Jahre 1803 beginnt die letzte Periode der Universität. Wir dürfen sie als die eilies stetigen Aufblühens und immer größeren Aufschwunges bezeichnen. Im genannten Jahre fiel Heidelberg mit der rechtsrheinischen Pfalz an Baden lind dessen Herrscher, bis ans den jetzt regierenden Großherzog herab, sind sie Nengründer und Schöpfer des Heidelberger Universitätsflores. An die alten kurpfälzischen Traditionen anknüpsend, proklamirte Karl Friedrich 1803 die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung und die Unabhängigkeit der Lehre vom confessionellen Standpunkt, und seine Nachfolger haben getreulich an diesem Grundsätze fest- gehalten. Es würde zu weit führen, wollten wir