Skizzen. 101
Zeit; aber„farblos und eintönig“) iſt ſie ſo wenig, wie das herrliche Moſaikbild in der Kuppel der Peterskirche.
Ein heimliches, und dennoch ſtarkes Drängen und Stoßen ſpürte man aller Orten.
Kein Glaube war ſo feſt, daß an ihm nicht gezweifelt, kein Privileg ſo alt, daß es nicht beſtritten wurde, kein Stand ſo hoch, daß er ſicher war.
Einheit des Reiches oder Unabhängigkeit der großen Gemeinweſen, Einheit des Glaubens oder Freiheit des Gewiſſens, Demokratie oder Prinzipalität, das waren die großen politiſchen Fragen der Zeit.
So verworren waren die Verhältniſſe, daß die meiſten in der einen Frage das Beſtehende ſchützen, in der anderen das Neue fördern wollten, hier Angreifer, dort Verteidiger waren.
„Sucht nach Ungebundenheit,“ ſo ſchalt, wer zu verlieren hatte das neue Streben,„Fortſchritt“ nannten es die Dränger. „Schutz von Recht und Herkommen“,„Verteidigung der Freiheit“, das wurden Schlagwörter, die eben ſo oft Notwehr, wie Machtgelüſte deckten.
Frei nannten ſich damals gar viele, und am freieſten galten die, die berechtigt waren, dem Reiche am wenigſten zu leiſten.
Unzählige Freiheiten gab es im Reiche, aber die Freiheit fand dort ſelten ein Obdach; tauſend„Gerechtigkeiten“ gab es, aber kein Recht.
Der ſchändliche Egoismus der Einzelnen hätte das Reich zum völligen Verderben gebracht, ſo klagte Biſchof Johann von Eichſtätt.)|
Wie oft verſuchte man, die ungeheuren, wirtſchaftlichen geiſtigen und phyſiſchen Kräfte des Reiches zuſammenzufaſſen,
) So nennt fie W. v. Gieſebrecht, Deutſche Reden, S. 77—78. 2) Hermann Albrecht von Eyb, S. 219.