100 Skizzen.
zeichen an ihrer Kleidung wie Ausſätzige gebrandmarkt,) bildeten die Juden einen Staat im Staate, mochte dieſer ſelbſt noch ſo klein ſein.|
Sie bieten ein intereſſantes Schauſpiel,— dieſe Menſchen, die in allem Schmutz, in aller Verkommenheit auf die Herrſchaft ihres Stammes über alle Völker, auf ein Leben voll unausſprechlicher Wonne hofften, dieſe gierigen, den Profit des Tages verfolgenden Wucherer und Geldwechsler, die gläubiger und geduldiger die Ankunft des vor Jahrtauſenden verſprochenen Meſſias erwarteten, als je ein Chiliaſt der gleichen Offenbarung des Apoſtel Johannes vertraut hatte.
Gehaßt und ſelbſt voller Haß, die unnachſichtigſten Verfolger und doch ſelbſt jeden Tag der Verfolgung gewärtig, ſo verbrachten die Juden im XV. Jahrhundert ihr elendes Leben.
Niemand im Reiche, weder der römiſche König, noch der armſelige Jude, war damals mit der gegenwärtigen Lage zufrieden, hatte den freudigen Wunſch, auf dem einmal Erreichten ſelbſtſicher zu beharren; überall ſchickte man ſich zu Kampf und Verteidigung.)
Alles war im Fluß, alles im Werden.
Gewaltige neue Ideen pochten an verſchloſſene Pforten. Doch nicht nur in den Kammern und Laboratorien der Gelehrten, in den Werkſtätten der Handwerker und in den Ateliers der Künſtler, auch in den Ratsſtuben und an den Fürſtenhöfen bereitete ſich das Neue. Überall, unter dem Schnee und aus Trümmern, begann es leiſe zu knoſpen,— Vorfrühling.
Kein gewaltiges Gemälde iſt die Reichsgeſchichte dieſer
1) Würfel, Hiſt. Nachr. von der Judengemeinde in Nürnberg, S. 91—95. Die Juden mußten an ihrem Armel gelbe Ringe tragen und ſich monatlich den Bart ſtutzen laſſen. Die Jüdinnen hefteten blaue Einfaſſungen an ihre Schleier. Über die teilweiſe durch die Juden pro
8 5 52 Gründe zu dieſer Kleiderordnung vgl. Städtechroniken V.,
J v. Kraus, a. a. O., S. 56. Droyſen, a. a. O., II., S. 11.