Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911)
Entstehung
Seite
270
Einzelbild herunterladen

270 Der neue Herr.

zeihen, um ſein Verhalten in der Gefangenſchaft anzuerkennen. Die Standhaftigkeit, mit welcher der Achtzigjährige freiwillig ſeine Gefangenſchaft von Jahr zu Jahr verlängerte, ſich von Haft zu Haft ſchleppen läßt, um den Gegnern die Früchte ihres Sieges zu entreißen, iſt faſt bewundernswert.

Ludwig war gewalttätig, treulos, hinterliſtig und rach­ſüchtig; er ſcheute ſich nicht, König und Kirche zu trotzen, dann vor dem einen das Knie zu beugen, die andere reich zu be­ſchenken. Ein Frauenfreund, ein Feind der Ruhe; prunk­ſüchtig und verſchwenderiſch, doch kunſtſinnig; im Recht wie im Unrecht kühn und energiſch, trotzig und zäh. So lebte er unter Bayerns edlen Fürſten, ein italieniſcher Tyrann der Renaiſſance, der Enkel des Barnabas Visconti. Ein Mann, der es verſtand, zu lieben und zu haſſen, ſich ſelbſt getreu bis in den Tod.

Die bisher latente Erbſchaftsfrage wurde durch den Tod Ludwigs akut.) Aber Herzog Heinrich griff, geſtützt durch die Ausſicht auf die Hilfe Markgraf Albrechts, beherzt zu. Die Margarete überwieſenen Schlöſſer löſte er aus; ſie huldigten ihm zuerſt, das ganze Land folgte. Herzog Albrecht, dem die Sympathien der Landſchaft gehörten, verſcherzte ſich durch ſeine feige Zauderpolitik ſein vermeintliches Recht. Auch der von ihm am königlichen Hof angeſtrengte Prozeß brachte ihm zwar unzählige Rechtstage, aber kein Urteil, Spott und Demüti­gungen, aber keinen Gewinn. 8

Nicht ſo ſehr das beſſere Recht, denn dieſes iſt im fünfzehnten Jahrhundert gar zu oft von den Waffen gebeugt, vom Golde gebogen worden, die energiſchere und zielbewuß­tere Politik Heinrichs und Markgraf Albrechts hatten geſiegt.

1) Vgl. darüber Kanter, Das Ende uſw., S. 306321.