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wunden war, gab es innerhalb der Pharisäerpartei selbst verschiedene Richtungen. Am bekanntesten ist der Streit zwischen den beiden pharisäischen Schulen in dem letzten vorchristlichen Jahrhundert, zwischen der „Schule Schammai“ und der „Schule Hillel“, der zuweilen einen heftigen Charakter annahm. Die erstere Richtung näherte sich zum Theil der sadducäischen Anschauung, die wesentlich darin bestand, das Schriftwort, selbst bei der sopherischen Erklärung des Gesetzes, nach Möglichkeit buchstäblich gelten zu lassen, während die Schule Hillels mit dem biblischen Wort freier verfuhr und den Geist über den Buchstaben stellte. Das praktische Ergebniss dieser Methode der Schriftauslegung war, dass die Hilleliten fast durchwegs erleichternd auftraten, während die Schammaiten in der buchstäblichen Befolgung der Schrift fast immer erschwerend waren. Es ist dies der beste Beweis dafür, dass die mündliche Lehre keineswegs das Judenthum in drückende Fessel geschlagen hat, wie gewöhnlich angenommen wird. Auch die antitalmudische Praxis der Karaiten (von denen später noch die Rede sein wird) bestätigt diese Erfahrung. Wohl hat die mündliche Lehre das jüdische Ceremonialgesetz erweitert und zum Theil auch bis ins Einzelne ausgedehnt; aber in vielen wichtigen Fragen des religiösen Lebens hat sie das „Gesetz“ dem Leben angepasst und die Befolgung der Thora erleichtert. Insbesondere geschah dies bei der Sabbatheiligung, die zwar in manchen Punkten durch die Sopherim eine minutiöse Erweiterung erfahren hat, in der Hauptsache jedoch durch die „Halacha“ bedeutend gemildert worden ist. Am meisten hat die Schule Hillel dazu beigetragen, die Sabbat-