ruhe nicht in eine unerträgliche Sklaverei ausarten zu lassen.
Der Entwickelungsgang der mündlichen Lehre, der auch stark von den politischen Ereignissen beeinflusst worden ist, hat Jahrhunderte gedauert. Das nachbiblische Judenthum ist das Produkt der lebhaften Kontroversen, der inneren und äusseren Kämpfe; es ist eine historische Schöpfung, die tief in der Zeitgeschichte wurzelt. Mag man über diese Entwickelung des Judenthums urtheilen, wie man will, das Eine steht aber gewiss fest, dass die mündliche Lehre mit dem jüdischen Stamm aufs innigste verbunden ist, es ist Bein von seinem Gebeine und Fleisch von seinem Fleische. Den Talmud, als den Niederschlag der sopherischen Lehren aus dem Judenthum entfernen wollen, hiesse ein Stück aus der Geschichte des jüdischen Stammes reissen wollen.
Die verschiedenen Meinungsäusserungen sowohl seitens der Sadducäer wie auch seitens der divergirenden Autoritäten innerhalb der pharisäischen Schriftgelehrten selbst blieben im Judenthum aufbewahrt. Ueberhaupt konnte man viele Jahrhunderte hindurch der nachbiblischen Lehre keine feste Form geben; einerseits war dies zuerst auch gar nicht nöthig, und andererseits bot dieser Zustand grosse Vortheile. Solange die Judenheit, wenn auch politisch und territorial zerrissen, im Synhedrion zu Jerusalem ihren religiösen Mittelpunkt hatte, blieb das Judenthum sozusagen stets zeitgemäss. Dieses höchste Tribunal hatte freien Spielraum, innerhalb gewisser Grenzen die Lehre dem Leben anzupassen, manches mäl erleichternd und manches mal erschwerend, wie es