dieser Gedanke durch die Beobachtung, dass die Bibel mittlerweile der heidnischen Welt bekannt und somit entnationalisirt worden war. Die Kennt- niss der heiligen Schrift hatte aufgehört, das geistige Sondergut des jüdischen Stammes zu sein. Ein alter, sinniger Spruch aus jener Zeit der Schwankungen giebt uns die ganze Stimmung wieder, die damals in der Judenheit vorherrschend war. „Gott sah voraus, dass einst eine Zeit kommen werde, in der sich die Heiden der Thora bemächtigen und zu Israel sprechen werden, auch wir sind die Söhne Gottes; da wird aber der Herr antworten, nur wer meine Mysterien kennt, der ist in Wahrheit Jude. Und was sind die Mysterien Gottes? die mündliche Lehre“. Seitdem Paulus das Judenthum von dem nationalen Wesen los zu schälen unternahm und die Thora zum Gemeingut der ganzen Menschheit machte, zeigte sich der national gebliebene Theil des jüdischen Stammes eifrig bestrebt, wenigstens den nicht schriftlich fixirten Theil des Judenthums vor der heidnischen Welt zu bewahren.
Indessen konnte man der Zeitströmung doch nicht widerstehen, und die lange hinausgeschobene Sammlung der Halachoth wurde zuerst in schüchternen Versuchen, dann aber in umfassender Weise vorgenommen. Es geschah dies um das Jahr 189 oder 219 der gewöhnlichen Zeitrechnung (500 oder 530 der aera contractum; die genaue Feststellung ist in der jüdischen Geschichtsschreibung ein strittiger Punkt). Der Redactor oder Sammler der Halachoth, die den Kollektivnamen Misch na erhielten, war der Patriarch Rabbi Juda I., ein Nachkomme Hillels. Ausgezeichnet durch grossen Reichthum und durch seine sociale