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Der Talmud : sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte / dargestellt von Dr. S. Bernfeld
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anvertrauen, hiess es. R. Simon war ein scharf­sinniger, aber durchaus logischer Kopf. Es wurde ihm nachgesagt,wer ihn in seiner dialektischen Disputation sah, dem kam es vor, als ob Berge herausgerissen und an einander gerieben würden. In einer solchen Diskussion gerieth er einst mit seinem Schwager und Lehrer in einen heftigen Streit, bei welcher Gelegenheit sich R. Jochanan zu einer beleidigenden Bemerkung gegen R. Simon hinreissen liess. Dieser nahm sich diese Kränkung sehr zu Herzen und starb darüber. Seitdem konnte sich R. Jochanan nicht trösten; auf Schritt und Tritt fehlte ihm der haarspaltende Dialektiker.

R. Jochanan war im gewissen Sinne der Be­gründer des Talmudstudiums auf palästinensischem Boden, wie es Samuel und Rab in Babylonien gewesen sind. Mit der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts beginnt die eigentliche talmudische Epoche. DieMischna galt damals als abgeschlossen, und die weitere Entwickelung der mündlichen Lehre basirte nur noch auf der Erklärung der Mischna. Der Talmud ist ja eigentlich nur ein tief in die halachische Materie eindringender Kommentar, wie wir ihn oft bei Gesetzbüchern finden. An die Lehre der Mischna anknüpfend wird debattirt, deducirt, werden scheinbare oder wirkliche Widersprüche herausgefunden und ge­löst; scheinbar Zusammenhängendes wird ausein­ander gehalten, und Entferntes an einander gereiht. Der Vorzug des Talmuds ist jedoch wesentlich darin zu sehen, dass er, mag in seiner Dialektik noch so viel Gezwungenes und Willkürliches ge­funden werden, nirgends Stubengelehrsamkeit athmet. Es pulsirt in ihm das Leben der Schule, der Vortrag ist lebendig, oft sogar sprunghaft und