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gänzt, gleichviel ob eine solche Ergänzung wirklich nöthig ist oder nur durch eine künstliche Interpretation noth wendig erscheint. Freilich kommt solches auch im palästinensischen Talmud vor, aber nicht in dem Umfange wie in dem babylonischen, in welchem die Subtilitäten (ni'TTt) einen grossen Raum einnehmen.
Diese Subtilitäten waren dem spätem palästinensischen Gelehrten noch viel mehr unsympathisch, oft aber auch solchen aus Babylonien. Von dem Verhältniss R. Jochanans zu den babylonischen Haarspaltern ist bereits die Rede gewesen. Aber auch in Babylonien selbst fanden, sich Leute, die an dieser Sophistik kein Gefallen finden konnten. Während ihnen die Palästinenser zuriefen, dass sie nicht umsonst in Babel wohnen,, da in ihren Köpfen der grösste Wirrwar herrsche,, klagte R. Seira (ein Babylonier): „In eine Finsterniss wurde ich versetzt (Threni 3,6) — damit ist die babylonische Lehrweise gemeint“. Er soll vierzig, oder gar hundert Tage gefastet haben, um ja diese Lehrmethode gänzlich zu vergessen. Seinen Landsleuten sagte sein Schüler R. Jeremia einst: „Ihr dummen Babylonier, weil ihr in einem Land, der Finsterniss (des Aberglaubens) wohnt, seid ihr gewöhnt, dummes Zeug zu sprechen.“ Dieser R. Jeremia war überhaupt ein loser Schalk, er verstand es vortrefflich, die babylonische Spitzfindigkeit ins Lächerliche zu ziehen. Als er einst in seine Heimath zurückkehrte, begab er sich in das Lehrhaus, wo er scheinbar ernst die spitzfindigsten Fragen an das Schulhaupt richtete, bis die Jünger die höhnende Absicht merkten und ihn aus dem Lehrhause fortwiesen.
In Palästina nahm die talmudische Dialektik