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Der Talmud : sein Wesen, seine Bedeutung und seine Geschichte / dargestellt von Dr. S. Bernfeld
Entstehung
Seite
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Aschi scheint auch bei der Behörde in grossem Ansehen gestanden zu haben; jedenfalls genoss die Judenheit damals weitgehende Freiheit. Da er ein sehr hohes Alter erreichte und fast sechs Jahrzehnte hindurch dem Lehrhaus in Sura Vor­stand, so konnte er sein Unternehmen, den ganzen Gemarastoff zu sammeln und zu ordnen, mit Erfolg zu Ende führen.

Aeusserlich nimmt sich die Gemara als ein erweiternder Kommentar der Mischna aus. An jeden Paragraphen der Misehna, der zuerst im Wortlaut mitgetheilt wird, knüpft sich die ge- marische'Diskussion. Als Vorbild diente R. Aschi wahrscheinlich die palästinensische Gemara, die ihm Vorgelegen zu haben scheint. Wer der Re- dactor der palästinensischen Gemara gewesen ist, lässt sich schwer feststellen; jedenfalls war es nicht der bereits erwähnte R. Jochanan, wie früher angenommen wurde. Die Gruppirung des baby­lonischen Talmuds ist viel freier als die des palästinensischen. Fast niemals hält sich die Ge­mara an das in der Mischna gegebene Thema. Oft sind verschiedene Gegenstände an einander gereiht, obwohl sie in einem nur äusserlichen Zusammenhang stehen. Wenn zufällig die Meinung eines Lehrers angezogen wird, die in der Dis­kussion von Bedeutung ist, so werden gelegentlich von demselben Lehrer noch viele andere Aus­sprüche hinzugefügt, die mit dem verhandelten Thema gar nichts zu thun haben. Manchesmal lässt sich die Zusammenreihung verschiedener Stoffe auch nicht einmal durch eine solche Aeusserlichkeit rechtfertigen. Man weiss einfach nicht, wie die Gemara mit einem mal zu dem Thema kommt, von dem bisher gar nicht die