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dauerte nicht weniger als ein Jahr und neun Monate (Februar 1413 — 12. November 1414). Bei der judenfeindlichen Stimmung, die damals in Spanien vorherrschend war, konnte der Ausgang der Debatte nicht zweifelhaft sein. Die Juden bekamen in jedem Fall unrecht, und in jenen Tagen bewährte sich der sinnige agadische Spruch: Fällt der Stein auf den Krug, zerbricht
der Krug; fällt der Krug auf den Stein — zerbricht ebenfalls der Krug.
Antitalmudische Schriften sind sehr zahlreich vorhanden, dieser Litteraturzweig nimmt noch jetzt von Tag zu Tag an Umfang zu. Zumeist sind diese Angriffe und Anfeindungen von abtrünnigen Juden ausgegangen, die freilich nur in den seltensten Fällen durch umfangreiches Wissen zur Beurtheilung des Talmuds befähigt waren, stets war aber ihr Urtheil durch Hass und Rachsucht getrübt. Von christlicher Seite verfuhr man nicht viel besser; man gab sich Mühe, sich mit dem Talmud bekannt zu machen, um ihn ins Lächerliche zu ziehen oder als unmoralisch zu denunciren. Zu diesem Zwecke suchte man in dieser umfangreichen Litteratur die verfänglichsten Stellen heraus, solche, die lächerlich klingen oder die Hass und Verachtung gegen die „Gojim“ lehren. Um die Sache in ein noch ungünstigeres Licht zu stellen, suchte man die angegebenen Stellen aus dem Zusammenhang zu reissen oder oft auch zu fälschen. Selbst ein christlicher, nichts weniger als judenfreundlicher Gelehrter, J. D. Michaelis, hat diese Methode als hinterlistig und perfid bezeichnet.