Heft 
(1958) 4
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sie mit mannigfaltigen Ornamenten. Einmal, ich war noch ein sehr kleiner Junge, schenkte er mir ein solches Ei zum Osterfest. Es war reich verziert und trug den gleichsam verpflichtenden Spruch:Aus Lieb und Treu schenk ich dir dieses Ei zerbrichts du dieses Ei, ist unsere Lieb vorbei. Meine Freude über dieses Geschenk war groß, und ich versprach, es gut zu behüten. Zuhause stand es nun jahraus jahrein auf dem Wandbrett als ein echtes Schmuckstück unseres Stübchens. Zu den Osterfesten tat es unsere Mutter zu den grünen, roten und blauen ins Moosnest. Von allen war es mir immer das liebste. Danach stand es wieder auf seinem Ehren­platz bis zum nächsten Osterfest. Doch an einem Ostertag, im ersten Welt­krieg war es, bat ich meine Mutter, es mit in den Wald nehmen zu dürfen. Ich wollte es meinen Schulkameraden zeigen und ein wenig damit prahlen. Die Mutter wollte anfangs nicht, doch auf mein wiederholtes Bitten willigte sie schließlich ein. Nur wenige gefärbte Eier hatte mir der Oster­hase in diesem Kriegsnotjahr ins Nest gelegt. Die zwei, die ich zum Eier­trudeln mitgenommen hatte, waren bald zerschellt und aufgegessen. Mit dem Spruchei durfte ich nicht trudeln, die Mutter hatte es verboten, und mir selbst war es auch zu schade. Um mich weiterhin am fröhlichen Eier­trudeln beteiligen zu können, erbat ich von einem der Spielgefährten ein gefärbtes Ei und gab dafür als Pfand mein schön poliertes mit dem orakel­haften Spruch. Mein Spielgefährte mochte wohl weniger Sinn für den Wert des bunten Eies haben, er versuchte auch damit zu trudeln. Es rollte gegen einen Ast, der da im Moose lag, und zerbrach. Mein Jammer war groß. Weinend sammelte ich die Schalenstücke zusammen und schlich bedrückt nach Hause. Die Eltern waren sehr böse und zankten mich hart aus. Doch das schien mir nicht das Schlimmste. Das Schuldgefühl in meinem Inneren gegenüber dem guten, alten Onkel Fritz und der Vorwurf des gebrochenen Versprechens waren für mich weit schmerzlicher. Was würde Onkel Fritz sagen, wenn er von meiner Missetat erfahren würde? Gefreut hat er sich jedenfalls nicht über meine Dummheit. Aber das Orakel vonder zer­brochenen Liebe hatte auch nicht recht. Ich" hatte den Onkel durch diesen Vorfall, und weil er mich deswegen nicht mit Scheltworten überhäufte, nu' - noch lieber gewonnen. Er aber hat mir, weil ich ehrliche Reue empfand, wonl auch verziehen und vergeben. Wir sind weiterhin gute Fre.unde geblieben, trotz des zerbrochenen Ostereies.

Viele Jahre sind darüber verstrichen. Mein guter und kunstfertiger Onkel Fritz ist lange tot. Doch auch heute noch fühle ich, wenn ich an das Spruch­ei denke, eine leise Beschämung. Beschämung darüber, daß ich nicht ge­nügend Achtung vor der mühevollen und doch so freudespendenden Arbeit eines lieben Menschen hatte. Achtung vor der Arbeit unserer Mitmenschen, ob sie nun mehr oder weniger wertvoll erscheint, ist auch heute die Tugend, die wir oft in unserem Benehmen den Gebrauchs- und Kulturgütern gegen­über so schmerzlich vermissen.

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