Heft 
(1958) 4
Seite
109
Einzelbild herunterladen

Aufn.: Wilhemi, Perleberg

Noch raschelt das Laub unter den Füßen, doch überall regt sich neues Leben

ERNST STADTKUS, REHFELD

Das Spruchei

Alt, sehr alt ist die schöne Sitte des Eierfärbens zur Osterzeit. Niemand weiß recht, wie sie entstanden und wo sie zuerst gepflegt wurde. Es liegt ein schöner, tiefer Sinn in diesem alten Volksbrauch, und die Erklärung, die meine Mutter mir gab, daß die Menschen mit den Farben den kalten, weißen Schnee verbannen und dafür die bunten Frühlingsblumen herbei­rufen wollten, war für mich als Kind durchaus glaubhaft. Auch heute, wo wir nach dem Sinn alter Volksbräuche forschen, ist diese Erklärung wohl kaum von der Hand zu weisen. Alle echte Volkskunst ist aus schlichter handwerklicher Tätigkeit entstanden, indem geschickte Menschen, die Schönheitssinn und Freude am eigenen Schaffen hatten, den toten Dingen Gestalt, Form und Inhalt gaben. Auch bei den Ostereiern war es so. Bald fanden sich Menschen, denen die eintönigen Farben nicht genügten. Sie polierten die Eierschale und verzierten sie mit Ornamenten und Sprüchen. Auch mein Onkel Fritz war einer von denen, die die alte Volkskunst weiterpflegten und unter deren Händen das einfachste Ding zum Kunst­werk werden kann. Auch er polierte die Eier dunkelbräun und verzierte

109