Lenzener Fähre, denn Eisenbahnen gab es noch nicht und auch keine Elbbrücke auf der ganzen Strecke zwischen Magdeburg und Hamburg. Nach einem strengen Winter war das Eis auf der Elbe im Tauen begriffen. Trotz Warnung fuhr ein Postillion auf das Eis. Plötzlich setzte sich dieses in Bewegung, und der Postillion konnte mit der Postkutsche das rettende Ufer nicht mehr erreichen. Sie trieben auf einer Eisscholle elbabwärts, und. der Postillion blies in seiner Not den-Choral: Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Bei Mödlich soll er mit der Postkutsche und den Passagieren versunken sein.
HI.
Der Bauer Lüdke, aus Mödlich war ein Spaßvogel. Eines Abends hatte er bis nach Mitternacht im „Goldenen Stern“ gekneipt. Als er über die Seetorbrücke ging, riß ihm der Novembersturm die Mütze vom Kopf, und sie fiel ins Wasser. Ohne Kopfbedeckung konnte er mit seiner Glatze ohne Gefahr einer Erkältung nicht den Heimweg antreten. Rasch entschlossen ging er zur Apotheke und läutete die Nachtglocke. Eilig kam Herr Apotheker Riege, mit Schlafrock und Zipfelmütze bekleidet, und fragte: „Aber lieber Herr Lüdke, was ist bei Ihnen passiert und welcher Arzenei bedürfen Sie?“ „Ich möchte ein Mittel gegen Erkältung“ —gleichzeitig riß er dem überraschten Apotheker die Mütze vom Kopfe und stürzte davon. Am Tage darauf schickte Lüdke dem Apotheker vier neue Nachtmützen mit bestem Dank für die vorbeugende Arzenei.
IV.
Gastwirt Ohnesorge in der Berliner Straße hatte eine Fuhre Lehm zum Ofensetzen anfahren und vor dem Hause abladen lassen. Als um 10 Uhr der Nachtwächter seine Runde machte und das Haus des Gastwirts Ohnesorge passierte, ließ er seine Knarre ertönen und rief: „Hört Ihr Leut und laßt Euch sagen, die Uhr hat zehn geschlagen — öwer den verdammten Lehm brickt man sich noch Hals un Been — lobt Gott den Herrn . . .“
V.
Auf dem Lenzener Jahrmarkt war auch ein Kaspertheater auf der Marktseite vom Hotel „Deutsches Haus“ aufgestellt. Als einmal Kasper, auch Putscherneller genannt, renommierte, daß er ein flinker Kerl sei und hinzufügte, er stamme auch aus Nausdorf, wo es bekanntlich lauter fixe Kerle gäbe, rief eine ländliche Schöne erstaunt: „Da bün ick jo ok her.“ Kasper benutzte natürlich die Gelegenheit, das naive Mädchen nach den interessantesten Angelegenheiten ihres gemeinsamen Geburtsortes auszufragen, worauf das treuherzige Mädchen, ganz in dem Glauben, mit einem Landsmann zu schnacken, redlich Antwort gab, bis das schallende Gelächter der Umstehenden sie endlich erkennen ließ, daß es nur "auf eine Fopperei abgesehen sei. Worauf sie unter Schelten auf den ollen dämlichen Putschernellerknecht entfloh.
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